Was gegen psychologisches Denken spricht

1.

Dagegen spricht: Es tut einer Erklärung gar nicht gut, diese unbestreitbare, aber auch wenig erhellende Tatsache dafür herzunehmen, sein Augenmerk weg von dem, was die Menschen da tun, fortan darauf zu richten, dass Menschen ‚es’ tun. Aus der negativen Bestimmung „ohne Menschen kein…“ folgt nämlich keineswegs zwingend der positive Schluss, den die Psychologie für sich gezogen hat: … dann müsse der Schlüssel für Arbeit, Liebesleben, Religion und Krieg im Inneren des Menschen liegen! Wer diesen Schluss dennoch für naheliegend hält, interessiert sich dann logischerweise gar nicht mehr für den Inhalt der subjektiven Leistungen, also für die Frage, wie -die Leute denn eigentlich Subjekt der verschiedenen Handlungen sind, an denen sie sicherlich irgendwie beteiligt sind – sondern hat sich damit den Forschungsauftrag erteilt, im Menschen nach etwas zu suchen, das sein Verhalten hervorbringt, seine subjektiven Leistungen aus etwas zu erklären, das hinter ihnen steckt. Mit dieser kleinen, aber entscheidenden Verschiebung des Blickwinkels ist der Grundstock für die Eigentümlichkeit psychologischer Erklärungen gelegt.

2.

Dagegen spricht: Aus einer Erklärungsbedürftigkeit dessen, was Leute tun und sich über Gott und die Welt denken, folgt keineswegs zwingend der Schluss, den die Psychologie daraus gezogen haben will: …“dann“ seien Wille und Bewusstsein jawohl als eine Sphäre trügerischerer Einbildungen zu betrachten, denen beim besten Willen nicht zu entnehmen ist, was jemanden wozu bewegt. Mit dieser Sichtweise (v)erklärt man das menschliche Handeln erst zu diesem ganz prinzipiellen Rätsel, dessen Lösung partout „hinter“, sprich jenseits, des Bewusstseins gesucht und gefunden werden muss, das jemand davon hat. Und was das Un-, Unter- oder falsche Bewusstsein angeht: Noch nicht einmal die Tatsache, dass die Leute allen möglichen Unsinn (mit)machen, beweist, dass nur ihre Innenwelt dafür verantwortlich sein kann. Dass sich jemand womöglich ein verkehrtes Urteil gebildet hat, zieht die Psychologie erst gar nicht in Betracht, weil ihr der Inhalt eines Gedankens sowieso keine Prüfung wert ist – für sich nimmt sie ihn weder wahr noch ernst, er zählt ausschließlich als Abbild seelischer Prozesse. Ausgestattet mit dieser sehr methodischen Gewissheit – „da muss doch was dahinterstecken!“ – steht der psychologischen Entdeckungsreise ins Ich nichts mehr im Wege.

3.

Dagegen spricht:

1. Eine bestimmte Voraussetzung, ohne die ein bestimmtes Tun nicht geht, ist noch lange nicht dasselbe wie der Grund, warum jemand das tut. Dass der Mensch z.B. über geistige Fähigkeiten verfügt, erklärt keineswegs, warum er ein paar Jahre in die Schule geht und dort benotet wird.

2. Es ist schon ein bisschen dogmatisch, es mit dieser Verwechslung von Fähigkeit zu und dem Grund einer Handlung von vornherein auszuschließen, dass das, was einer treibt, von so etwas wie Zwecken abhängen könnte, die er sich setzen mag oder denen er gehorchen muss. Was immer einer Bestimmtes tut, will, denkt, fühlt – die Psychologie nimmt es gleich zur Kenntnis als mehr oder weniger beliebigen Ausdruck jener in ihm steckenden Potenzen, die sie vorher schon als treibende Kraft menschlichen Verhaltens unterstellt hatte.

3. Der Mensch ist damit theoretisch verdoppelt in das, was er tun will, und das, wodurch er dazu bewegt wird, ‚es’ zu tun. Ob dafür nun sein Triebleben (nach Freud und Co) eine black box (Behaviorismus, Skinner), eine angeborene Begabung oder ein anerzogenes Motiv (sog. Gen-Umwelt-Kontroverse) verantwortlich gemacht wird, ist ziemlich egal – jedesmal soll es von einer dieser inneren Kräfte und Säfte abhängen, wie er sich verhält und verhalten wird. Das Verhalten ist abhängige Variable von inneren und äußeren Faktoren, welche bewirken, was wir tun und was nicht. Das ist der Determinismus der Psychologie: Wenn einer so oder so handelt, dann wird das wohl seine innere Notwendigkeit haben – er ist so oder so (gebaut) und kann darum wohl auch nicht anders.

4. Als Erklärung ist die Benennung bestimmter Dispositionen, Anlagen, Kognitionsmuster etc. als das Wesensmerkmal bestimmter beobachtbarer Phänomene schließlich höchst zweifelhaft. So ist z.B. mit dem Befund „Krieg ist eine Form der Aggression“ ausgerechnet das allerunspezifi schste Moment an ihm festgehalten. Einer Bestimmung seiner Gründe, seiner Subjekte, seiner Objekte kommt man so garantiert nicht näher, im Gegenteil: jetzt ist diese Staatsaktion ja erst so richtig verwechselbar geworden mit allen möglichen anderen „Schädigungen von Individuen“! Das Angebot der Psychologie besteht also in einem höchst zirkulären Verfahren, das vorwärts wie rückwärts beliebige Deutungskraft besitzt. Man muss nur jene abstrakte Gemeinsamkeit, die vorher in alle möglichen Arten von Gewalt (..Macht, Konkurrenz etc. alles austauschbar und offenbar auch dasselbe!) hineingelesen wurde, hinterher wieder herauslesen: und zwar einmal als deren Wesensmerkmal, zum anderen als deren Motor. So ist die treibende Kraft für „aggressives Verhalten“ glasklar: die „Aggressivität“, die in einem Menschen steckt. Oder sie ist umgekehrt als bloßer „Refl ex“ auf äußere Umstände zu deuten, was seinerseits wiederum die spannende Frage nach einer Disposition aufwirft, auf diese Umstände „entsprechend“ zu reagieren.

Damit erzeugt diese Sorte Erklärung gerade in ihrer Begriffslosigkeit ein tiefes Verständnis für alle großen und kleinen Ereignisse des Lebens, vom Krieg über den Berufserfolg bis zum Ehekrach: schuld ist immer die Persönlichkeit des Menschen.

4.

Dagegen spricht: Seit wann richten sich die Chancen, die einem in dieser Gesellschaft geboten werden, „etwas zu werden“, eigentlich danach, was die Leute gerade für welche sind und was sie so können? Umgekehrt ist es doch: Die Leute haben sich danach zu richten, welche Fähigkeiten überhaupt verlangt werden. Die müssen sie aufweisen bzw. erlernen, um an bestimmte Positionen herankommen zu können – und das heißt nun einmal auch: Es steht allemal fest, dass es eine Hierarchie der Berufe und ihrer Dotierung gibt. Ebenfalls steht damit von vornherein – bevor sich irgendwer die „Fähigkeiten“ der Leute anzugucken bräuchte – fest, dass es immer Gewinner und Verlierer gibt, weil die Menschen eben auf diese Hierarchie verteilt werden sollen. Und nur, weil als einziges noch nicht feststeht, wer oben oder unten landet, der Spruch von seinem Glück, an dem man unverdrossen herumhämmern soll, auch schon wahr sein?! Aus der eher banalen Feststellung, dass ein jeder daran gemessen wird, was er in dieser Konkurrenz um diese Positionen bringt und es dabei auf seine Leistungen ankommt, folgt schließlich noch lange nicht, dann entscheide die persönliche Leistung auch darüber, was aus einem wird. Es ist eben doch bloß die Ideologie zu dieser Konkurrenz, die Leute hätten den Erfolg in ihrer Hand und müssten darum nur kräftig an ihren „Fähigkeiten“ feilen; das ist zwar nicht wahr, aber nützlich – zur Rechtfertigung von Erfolg und Niederlage nämlich. Dem modernen Glaubenssatz, von den Fähigkeiten des einzelnen, „seine Chancen zu nutzen“, hinge ab, was er im Leben (nicht nur im Beruf) erreicht, gibt die Psychologie demnach a) sehr recht, um ihn b) in eine Methode wissenschaftlicher Handlesekunst zu überhöhen: „Zeige mir Deine Eigenschaften und ich sage Dir, was aus Dir wird und werden musste!“ So wird von einem Erfolg locker auf den „Erfolgsmenschen“, den „Siegertypen“ geschlossen, genauso wie umgekehrt ein Scheitern den „Versager“, den „Looser“ verrät (meist nicht ohne ihm zu attestieren, seine Fähigkeiten lägen eben auf einem anderen Gebiet) – und als Grund dafür wird ebenso locker eine „individuell ausgeprägte Erfolgstüchtigkeit“ angegeben. Mit diesem passenden Sprachdenkmal für die widersprüchliche Vorstellung einer ‚Disposition’, eines Vermögens, das den (Miss-)Erfolg der Anstrengung der Leute in allen Sphären des Lebens, in denen sie sich betätigen wollen/müssen (voraus)entscheide, also ‚irgendwie’ determiniere, kennzeichnet die Psychologie sehr treffend den ihr eigenen Persönlichkeitsrassismus.

5.

Dagegen spricht: Fragt sich bloß, wobei ihnen da geholfen wird. Es könnte einem nämlich schon auffallen, dass die Menschenfreundlichkeit dieser Betreuungsangebote praktizierter Psychologie sich durch die Bank aus demselben Vorurteil speist, das schon ihre Diagnosen auszeichnete: Wenn irgendwer oder irgendwas scheitert, dann bist Du das und es liegt an Dir – und dabei will ich Dir helfen! Diese Diagnose steht schon fest, bevor der Klient die Praxis betreten hat, denn der Psychologe stellt sie immer. Und das heißt jawohl, dass er eine Hilfe in Aussicht stellt gegen ein „Scheitern“, ganz jenseits einer Prüfung dessen, was da scheitern mag und warum. Ob jemand entlassen wurde, im Knast sitzt oder der/die Liebste weggelaufen ist: Ein Therapeut betrachtet all diese Vorkommnisse von vornherein als Gegebenheiten, mit denen seine Kundschaft zurechtkommen können muss. Das einzige, was ihn an seinen „Fällen“ interessiert, ist, dass sie sich gefälligst mit sich selbst zu beschäftigen haben. Ob ein spezieller „Fall“ nun Opfer eines feindlichen Interesses geworden ist, vielleicht einen Fehler bei der Verfolgung eines eigenen Interesses gemacht hat, sich an moralischen Maßstäben blamiert, die in dieser Gesellschaft gelten, oder was auch immer – das kann und will der Psychologe ausdrücklich nicht beurteilen, geschweige denn kritisieren. Von ihm betreute Menschen sollen sich ausschließlich der Frage zuwenden, ob ihre Einstellung zu den Problemen stimmt, die sie haben – und ein anderes „Verständnis“ haben Klienten offensichtlich auch nicht erwartet.

Und wann „stimmt“ die Einstellung? Wenn die Leute durch einen Vorfall, der sie schädigt, ihnen Ärger oder Unzufriedenheit bereitet, nicht aus der Bahn geworfen werden! Eine psychologische Beratung verspricht dem Hilfesuchenden also nie, ihm etwa dabei behilfl ich sein zu wollen oder zu können, den Anlass bzw. den Grund eines Problems zu beseitigen, sondern immer nur, sich anders zu ihm stellen zu können. Jedesmal wird also zu einem durch und durch instrumentellen Gebrauch des Verstandes geraten: Betrachte die Angelegenheit einfach so, dass sie Dich nicht stört! Auf gut deutsch: Don’t worry, be happy. Wenn Du in der rauen Welt auf die Nase gefallen bist – wenigstens Dein Selbstbewusstsein darfst Du Dir nicht beschädigen lassen, denn das ist die Hauptsache; wenn Du in der freien Wildbahn der Konkurrenz keinen Erfolg hast – besinne Dich darauf, dass Du eben andere, höhere Qualitäten hast…

Die Tipps, die man bei Psychologen bekommt, gehen also allesamt so: da ein Schuss mehr „Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl“, dort eine Prise mehr „Motivation“, hier ein Quentchen weniger „äußerliches Erfolgsdenken“… – in jeder Lebenslage die passende, weil fürs Gemüt funktionelle Einstellung, dann ist der Mensch „psychisch gesund“ und der Seelendoktor freut sich. Den Leuten mehr Selbstvertrauen und so Zeug einzufl ößen – man mag nur gar nicht daran denken, wobei – das ist der nicht zu leugnende Erfolg psychologischer Hilfe.

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