Tübinger Wissenschaft: Der Markt in der Krise?

H2>Und er funktioniert doch!!

Spätestens seit der Selbstaufgabe des ,,realen Sozialismus“ sind sich demokratische Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler sicher: Das beste Argument für die Marktwirtschaft ist – sie funktioniert! Ganz im Unterschied zur kommunistisch regierten Planwirtschaft des Ostblocks. Ihre besten Kronzeugen waren und sind die kommunistischen Staatsparteien, die eingestanden, ihre realsozialistische Alternativwirtschaft habe abgewirtschaftet, und reumütig zum Kapitalismus überliefen, für den vor allem sein erfolgreiches Funktionieren gesprochen haben soll. – Und nun das! Keine 20 Jahre nach der ,,Wende“ im Osten ist dieses erfolgreichste aller Wirtschaftssysteme mit dem Kollaps seines Finanzsektors konfrontiert, der sich immer mehr zur allgemeinen Krise der gesamten Marktwirtschaft auswächst. Weil auch für Professoren der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Erfolg des kapitalistischen Systems das Argument seiner unbedingten Befürwortung ist, sehen sie im unabstreitbaren Misserfolg der Marktwirtschaft die Gefahr heranziehen, dass sich die angeblich einzig menschengemäße Wirtschaftsweise blamiert. Also machen sie sich daran, den Kapitalismus geistig vor dem Ruin durch seine eigene Elite zu retten.

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Auch in Tübingen machen sich geistige Sachwalter der kapitalistischen Klassengesellschaft im Allgemeinen und deren wirtschaftswissenschaftliche Spezialabteilung im Besonderen stark für die Marktwirtschaft. Erheblichen Wert legen sie dabei darauf, einen theoretischen Keil zu treiben zwischen das marktwirtschaftliche System und die verantwortlichen Akteure in ihm. Ganz so, als sei die Systemfrage von böswilligen linken Kritikern gestellt worden, wird sie von den Befürwortern der Marktwirtschaft aufgemacht – um sie gleich wieder mit dem Verdikt zu beenden, dass dieses System noch lange nicht dadurch in Misskredit gebracht ist, dass seine Protagonisten es – beinahe – ruinieren.

„Wie konnte es dazu kommen?“

Was die ökonomische Natur des Bankgeschäfts angeht, das nun in der Krise steckt, so erfahren wir, dass das ganze Desaster seine grundsätzliche Ursache darin haben soll, dass die Banken nicht das gemacht haben, was sie machen sollen. ,,Banken im engeren Sinne, aber auch Finanzmärkte als solche haben eine volkswirtschaftliche Relevanz. Sie stellen Liquidität bereit für den Staat, aber auch für die Wirtschaft und private Konsumenten.“ (Lütz) Wichtig sind sie also, die Banken und Finanzmärkte – und so nützlich. Zum Wohle aller lenken sie Geld dahin, wo es gebraucht wird – einerseits jedenfalls. Blöderweise haben sie sich nämlich andererseits von ihrem eigentlichen ,,Vermittlungsauftrag zwischen überhängendem Geld und dem Bedarf an Geld“ (Lütz) irgendwie entfernt. Das hat damit angefangen, dass US-Banken Immobilienkredite dahin vergeben haben, wo dringender Bedarf an Geld bestand, an sog. „‚Ninja-Schuldner‘- no income, no job, no assets“ (Starbatty [1]). Diese Idee, ,,den Beziehern kleiner und kleinster Einkommen den Erwerb eines eigenen Hauses zu ermöglichen“, war „aus der Sicht einer ‚soundness of banking‘
fast aberwitzig“ (Möschel). Wieso? Wurden nicht gerade durch Grundstücke gesicherte, verbriefte Kredite von den Ratingagenturen bis zur Krise als erstklassige, weil durch Asset backed, Securities eingestuft? „Tollheit“ (Starbatty [1]) war das, so wissen die universitären Wirtschaftsfachleute jetzt, nach dem Platzen der Bankgeschäfte mit den ABS, und wollen für diese „neue Erkenntnis“ die ABS und die ihnen zugrunde liegenden Kreditverträge der kleinen Leute nicht mehr auseinanderhalten. Dass solche Leute eine denkbar schlechte Klientel für Kreditgeschäfte sind, dass Verträge mit ihnen „zu riskant“ (Möschel) oder ganz einfach „Schrott“ (Starbatty [1]) sind, auch dann, wenn die Raten- und Zinszahlungen bedient werden und das so finanzierte Haus selbst solide Sicherheit für die Bank ist, das hätten die Ami-Banker einfach von Anfang an so sehen müssen. Wo doch bekannt ist, dass Immobilienpreise fallen und Zinsen steigen können! Unsachgemäß das alles, höchst unsachgemäß – und dann ließen es die Banken noch nicht einmal dabei bewenden.

Auf dieser (wohlgemerkt: im Nachhinein als zweifelhaft bewerteten) Basis ging das Geschäft mit Finanzprodukten aller Art so richtig los. „Die Banken hat es nicht gestört, dass die Verträge weder mit Eigenkapital noch mit einem stetig fließenden Einkommen unterlegt waren; sie haben sie verbrieft und als hypothekarisch besicherte Kapitalmarktpapiere weltweit den Kapitalanlegern angeboten.“ (Starbatty [1])
Das war erst einmal auch gut so: 

,,Dabei sind die Verbriefung und Veräusserung von hypothekenbesicherten Anleihen (…) insoweit zu begrüssen, als das Risiko eines Kreditausfalls auf viele Gläubigerschultern verteilt wird.“ (Möschel)
Mit ,,Verbriefung und Veräusserung“ kamen all die schönen Finanzprodukte in die Welt, mit denen sich höchst profitable Geschäfte machen ließen und die Börsenkurven in aller Welt in die Höhe schossen. Nachdem das jetzt nicht mehr funktioniert, weil die Banken die Gewinnträchtigkeit ihrer Papiere wechselseitig bezweifeln, weiß ein Professor jetzt ganz genau, woran das von Anfang an gelegen hat: Die Verbriefung wird ,,zum Fehler, wenn alle diese Papiere abhängig sind von der Entwicklung der amerikanischen Immobilienmärkte.“ (Möschel).
Ja wenn es bloß das wäre, dann wäre es doch wohl das Beste und Einfachste, nicht die bankrotten Finanzinstitute, sondern die amerikanischen Häuslebauer mit ,,Liquidität“ zu versorgen, und schon wär’s rum mit der Krise?

So einfach ist es zum Leidwesen der VWL-Professoren nicht. Die „Finanzinnovationen, die von den Banken genutzt wurden, um sich der Risiken zu entledigen, die sie in ihren Portfolios angehäuft hatten“ (Lütz), sind nämlich „sehr komplex“ (Lütz). Keiner hat sie so richtig verstanden, und trotzdem oder deshalb (ist ja egal!) haben „institutionelle Anleger“ diese „Vermögenswerte“ nachgefragt, denn sie „suchen weltweit durchaus immer renditeträchtigere Anlagemöglichkeiten und Produktinnovationen, die es erlauben, auf Zins- oder Wechselkursdifferenzen zu spekulieren, oder sich gegen diese abzusichern.“ (Lütz)  
Ein Interbankenhandel, in dem die einen das „Risiko“ kaufen, das die anderen loswerden wollen, weil alle auf immer mehr Rendite scharf sind? Das kann ja mit redlicher Kapitalvermehrung nichts zu tun haben und auf Dauer nicht gut gehen. Auf nähere Auskunft über die Beschaffenheit solcher „Finanzinnovationen“ kann für diesen Schluss ebenso verzichtet werden wie auf eine Erläuterung dessen, was diese Papiere denn zu „Vermögenswerten“ machte und wieso ihre Renditeträchtigkeit jahrelang gegeben war und allen Beteiligten einleuchtete. Bankmanager, die Geld verwenden, um „immer renditeträchtigere“ eigene Geschäfte mit ihresgleichen zu machen, verstoßen, so die Diagnose, gegen jegliche kapitalistische Vernunft und haben jedes Maß verloren – für einen Kapitalismus nämlich, der immer und überall krisenfrei Gewinne macht.

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Mit wirtschaftlicher Vernunft, das beteuert der wirtschaftswissenschaftliche Sachverstand einhellig, hat also das, was zur Krise geführt hat, nichts zu tun. Das wirft die Frage auf, was die beteiligten Akteure zu ihrem unverantwortlichen Treiben bewegt haben kann. In der damit eröffneten Abteilung Motivforschung sind Tübinger Wissenschaftler und ihre Gastredner ebenfalls beschlagen: 
Banker und Spekulantenhaben das System in eine Krise gebracht. Ihr individuelles Fehlverhalten, hier: ihr ,,übermässiges Gewinnstreben“, wird als eine ,,entscheidende Ursache von Bankenkrisen“ (Möschel) dingfest gemacht. Wer jemals eine Einführungsvorlesung der VWL gehört hat, müsste sich jetzt wundern. Da wurde ihm nämlich beigebracht, dass der Markt deshalb so eine vortreffliche Sache sei, weil seine ,,unsichtbare Hand“ die Marktakteure lenke, denen es notwendiger- und effizienterweise nur auf die Mehrung des eigenen Nutzens ankommt. Damit, so wird da versichert, führt gerade deren eigennütziges Tun auf die allereffizienteste Weise zu allgemeiner Wohlfahrt, ohne dass irgendjemand auf den Dienst am Allgemeinwohl verpflichtet werden müsste. Übermäßigen Eigennutz kann es also nach diesem Grunddogma der VWL gar nicht geben. Aber in der Not muss man sich über das eigene Dogma auch einmal hinwegsetzen können. Die aktuelle Krise zeugt davon, so vermelden sachverständige Ökonomen, dass nicht etwa der Markt versagt hat, sondern dass der homo oeconomicus bei seiner sonst so ehrenwerten Nutzenmaximierung gepfuscht hat.

Zum einen hat er es mit dem Gewinnstreben übertrieben und so die „Blase“ aufgepumpt, die platzt. Fragt sich nur, wie und wo Sachverständige, die feststellen, dass man „dem Kapitalismus nicht vorwerfen (kann), dass es in ihm um die Maximierung von Renditen geht“ (Lütz), die Scheidelinie zwischen „über“ und „mäßig“ ermitteln. Wo der Übergang vom guten zum schlechten ,,Streben“ passiert ist, teilt uns die VWL auch nicht mit, aber seit man an der Krise sieht, dass nicht alles klappt wie vorgesehen, muss es einfach ,,übermäßig“ gewesen sein, das ,,Streben“. Damit ist eines geleistet: All die Techniken, die erfunden wurden, um den Finanzmarkt zu einer sprudelnden Geld- und Gewinnmaschinerie zu machen, verwandelt die Wirtschaftswissenschaft im Nachhinein in ihr genaues Gegenteil. Den Hals haben sie einfach nicht voll gekriegt, die Banker – und deshalb Finanzoperationen getätigt, von denen sie wissen konnten, dass sie Geld nicht vermehren, sondern vernichten.

An der nötigen Sachkenntnis hat es zum anderen aber gefehlt, wo auch immer die Wirtschaftswissenschaft hinschaut: „Kreditrisiken … wurden falsch eingeschätzt“ (Möschel). Jahrelang wurden „kurzfristig ertragreiche, auf lange Sicht aber riskante Investitionen“ (Starbatty [1]) getätigt. Völlig besinnungslos machte man erfolgreiche Geschäfte: ,,Weltweit wandelten Banken die von den Zentralbanken geschaffene reichliche Liquidität (…) in sprudelnde Erträge um. Alle waren zufrieden…“ (Starbatty [1]). Man nahm einfach „erstklassige Adressen wie Lehman Brothers oder UBS“ ins Portefeuille und hat sich dann die Güte dieser Papiere auch noch gegenseitig geglaubt! Ein Ökonom kann heute über ein solch „ausgeprägte(s) Herdenverhalten“ (Möschel) nur den Kopf schütteln: Profite einfach machen, wenn und solange sie gehen, also so was! Hätten sie sich lieber von der „Herde“ fernhalten sollen, indem sie in Wertpapiere investiert hätten, die unterdurchschnittliche Rendite versprachen? Na ja, vielleicht nicht, denn das geht ja gar nicht, wenn es darum geht, dass man „in einem globalen Markt gewissermaßen überlebensfähig ist“ (Lütz). Aber eins steht jedenfalls bombenfest: „Fehlverhalten der Privaten ist nicht gleich Marktversagen“ (Möschel) – und mag deren Verhalten sich noch so sehr der „unsichtbaren Hand“ des Marktes anvertraut haben.

Zugute halten die Damen und Herren Professoren diesen Privaten allerdings, dass sie zu ihrem „Fehlverhalten“ geradezu verführt wurden. Erstens durch grundverkehrte Bonus-Systeme für die Manager. Die sind zwar eingeführt worden, um diese Figuren auf Erfolg zu verpflichten und genau die Sorte (bis zum Beginn der Krise marktwirtschaftlich sachgemäß) maximalen (seither „übermäßigen“) Gewinnstrebens zu honorieren, mit der sie jahrelang immer neue Finanzprodukte mit immer besseren Gewinnmargen verscherbelt haben. Aber jetzt „weiß“ die VWL eben, dass damit der „Gier“ in einer ganz falschen Art und Weise Vorschub geleistet wurde. „Ein solches Anreizsystem führte dazu, die Erträge sozusagen um jeden Preis wenigstens kurzfristig zu steigern. Die längerfristigen Risiken wurden in den Hintergrund gedrängt.“ (Möschel)  
Der Herr Professor hält viel von den hellseherischen Fähigkeiten der Bankmanager: Zu Zeiten, als jeder die Emission von und den Handel mit kreditbesicherten Wertpapieren für eine einträgliche und sichere Sache hielt, weil ja da „das Risiko des Kreditausfalls auf viele Gläubigerschultern verteilt wird“ (Möschel), zu Zeiten, als die deutsche Regierung mit diversen Finanzmarktförderungsgesetzen dafür sorgte, dass derartige Geschäfte auch hierzulande gemacht werden, um den deutschen Finanzplatz „längerfristig“ konkurrenzfähig zu machen, da sollen die Banker schon gewusst haben, dass das „längerfristig“ zur Krise führt? Da sollen sie die „längerfristig“ drohende Pleite in Kauf genommen haben wegen ihrer Bonuszahlungen? Dabei gab es die primär für diejenigen, die „Finanzprodukte“ schufen und an den Anleger brachten, womit das Risiko nicht „in den Hintergrund gedrängt“, sondern verkauft war. Aber egal! Bewiesen werden soll schließlich, dass die gegenwärtige Krise der „Conditio humana“ geschuldet ist, und zu der gehört neben „übermässigem Gewinnstreben“ eben auch „begrenzte Einsicht“ (Möschel).

Apropos „Conditio humana“: Die Raffzähne in der Finanzwirtschaft hätten ihr verwerfliches Treiben zweitens gar nicht verrichten können, wäre es ihnen durch die Gier vieler anderer nicht ermöglicht worden: Wenn Leute ohne Einkommen und Vermögen sich eine Immobilie kaufen, wo sie sich doch nicht einmal eine Hundehütte leisten können, dann zeigt auch das die „Krise des
derzeit dominanten Wirtschafts- und Lebensstils“. Wenn sie sich dann auch noch „reich rechnen“, die Wertsteigerung ihrer Häuser beleihen und das gepumpte Geld „in Konsum umsetzen“, so liegt ein übler Fall von „Konsumhunger“ vor, der den Menschen, den „amerikanischen“ vornehmlich (alles (Starbatty [1]), auszeichnet und der seltsame Finanzgeschäfte geradezu provoziert. Für den Konsum von Habenichtsen ist der Markt im Allgemeinen und der Finanzmarkt im Besonderen nun einmal nicht vorgesehen.

Wenn die Menschennatur sich dermaßen gegen den Markt versündigen kann, dann liegt – glasklar – nicht „Marktversagen“, sondern „Staatsversagen“ vor (Möschel). Vor allem in Amerika, wo die Krise ja herkommt, wurde dem „moral hazard“ nicht Einhalt geboten, sondern Vorschub geleistet. Die Zinspolitik der Fed zum Beispiel – eine einzige Ansammlung von „Fehlanreizen“! Immer „prozyklisch“ statt „antizyklisch“. Das muss ja zu einer Subprime-Krise führen! (Starbatty [3]) Anfangs mit viel zu niedrigen Zinsen die Gesellschaft mit ,,zu viel zu billigem Geld“ Möschel) „überflutet“ (Starbatty [3]), ohne zu bedenken, das Überschwemmungen ja immer ganz schlimm sind. Und dann plötzlich „Schrittchen für Schrittchen die Zinsen erhöht“ (Starbatty [1]), wenn alle Welt Kredit genommen hat! So was taugt nur dazu, „der perversen Elastizität des Kreditangebots Vorschub (zu) leisten und damit die Attitüde des ‚moral hazard‘ (zu) fördern.“ (Starbatty [3])  
Und dann gehts dahin! 

„Die Geldschwemme und ununterbrochen steigende Immobilienpreise ließen die Akteure glauben, sie hätten eine Maschine zur Profitmacherei entdeckt“. (Starbatty [1]) 
Bloß: Was heißt hier eigentlich „hätten“? Damit war über Jahre hinweg eine „Maschine zur Profitmacherei“ geboren, die ganz und gar zur Zufriedenheit der Politiker und Manager sowie ihrer wissenschaftlichen Apologeten funktioniert hat. Jetzt, nachdem die Maschine ins Stocken gekommen ist, weiß die VWL, dass da Größenwahn am Werk war: Die Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac „hatten zur Refinanzierung der aufgekauften Hypotheken und sonstiger Aktivitäten auf dem Immobilienmarkt Anleihen im Wert von über 4 Bio. $ begeben.“ (Möschel) Wären 3 Bio. $ recht gewesen? Oder eher 2,5? So genau erfahren wir das nicht, und schon gar nicht, solange diese Geschäfte klappen. Wenn aber nicht, dann ist rückwirkend klar, dass „beide Spezialbanken (…) ein viel zu grosses Rad drehten“ und das auch noch „mit dem Segen der höchsten Politik“ (Möschel). Und da liegt der Hund begraben.

„Was ist zu tun?“

Eines steht in jedem Fall fest: Dass mit dem Dahinschwinden der Bankgewinne und des Bankkapitals die gesamte Produktion und Konsumtion der Gesellschaft auf dem Spiel steht, darf nie und nimmer ein Argument dafür sein, sich dieses Wirtschaftssystems zu entledigen. Vielmehr steht an, dem kapitalistischen System im Allgemeinen und der Kreditwirtschaft im Besonderen wieder auf die Beine und zu sprudelnden Geschäften zu verhelfen. Ohne diese genialen Erfindungen und die dazugehörige Risikobereitschaft (das braucht nicht bewiesen zu werden, das weiß die Wirtschaftswissenschaft ganz einfach) säße die Menschheit doch immer noch auf den Bäumen: ,,Eine risikoreiche Kreditgewährung ist wirtschaftlich vielfach sinnvoll, sie verhilft dem technischen Fortschritt zum Durchbruch.“ (Möschel)

Ohne ein gewisses spekulatives Moment ist der Segen, der mit den Bankgeschäften über die Menschheit kommt, eben nicht zu haben. Zu krisenhafter Kapitalvernichtung aber soll die Freude am Risiko nicht führen, oder jedenfalls nicht so arg, wie das jetzt der Fall ist. Darüber hinaus muss einer Wiederholung des Krisenfalls vorgebaut werden. Also ergeht der Ruf, die Geldwirtschaft zu retten, und die Forderung, ihr für alle Zukunft einen krisenhaften Fortgang zu sichern, an die politische Gewalt. Und gleich fragt sich die VWL, wie sehr die in den Markt überhaupt eingreifen darf, wo der doch, wie sie lehrt, ohne Regulierung von außen alles ganz von selber zum Besten führt. Es „stellt sich die Frage, ob man die Finanzkrise zum Anlass nimmt, auf ursächlich gewordene Fehlentwicklungen zu antworten, oder ob man beliebige Anliegen der Finanzmarktregulierung durchsetzen will – Letzteres drohte in einer Überregulierung zu münden.“
(Möschel)

Unbestreitbar ist die Tatsache, dass der freie Markt sich gerade selbst zu zerlegen droht, und das, obwohl für das Bankgewerbe bisher schon ein „ungewöhnlich festgezurrter Regelungsrahmen“ (Möschel) existiert. Und wenn jetzt Krise ist, dann müssen bei der eben doch nötigen Kontrolle „Fehlentwicklungen“ übersehen worden sein. Worüber der Staat da die Aufsicht führt und warum, braucht nicht zur Sprache zu kommen, man braucht es wohl nicht einmal zu wissen. Dass jedenfalls „besser“ kontrolliert werden muss, nicht zu viel und nicht zu wenig, sondern genau richtig, so dass Geschäfte klappen und nicht schief gehen, dieser wertvolle Ratschlag ist von allen ökonomischen und politologischen Experten zu erhalten.

Selbstverständlich wartet der wissenschaftliche Sachverstand mit Vorschlägen auf, wie die rechte Balance zwischen zu viel und zu wenig Regulierung zu wahren sei. 
„Die Rückbindung des Finanzkapitals an die Realwirtschaft … muss wieder hergestellt werden“ (Lütz), weil die ja irgendwie fehlt. Und „eine Lösung könnte es sein, den Derivathandel zu verbieten“ (Lütz)„könnte“ aber eben nur, weil der Markt global ist und amerikanische Banken dann Renditen erzielen, die „unsere“ nicht machen. Alles in allem furchtbar kompliziert und knifflig – und das ist eigentlich auch das einzige, das festzuhalten ist: „dass es einen Grad an Ungewissheit und Unsicherheit gibt auf Seiten der staatlichen Regulierer und auch der Marktakteure, der einfache Lösungen schwierig erscheinen lässt.“ (Lütz)Aha!

Dankenswerterweise ist Prof. Starbatty eine „einfache Lösung“ eingefallen: Er empfiehlt zwecks künftiger Krisenvermeidung, dass die Manager im Misserfolgsfall für die Schäden „haften“ sollen! „Nur bei fehlender Haftung kommt es zu Exzessen und Zügellosigkeit.“ … „Hätten die Akteure wie Eigentümer-Unternehmer auch mit ihrem persönlichen Vermögen für riskante Anlagen haften müssen, hätten sie wohl mehrheitlich die Finger davon gelassen.“ … Das einzige Problem besteht für Starbatty darin, „wie das Prinzip Haftung in Organisationen integriert werden kann, in denen Akteure für fremde Rechnung tätig werden.“ (Starbatty [2]) Die Lösung ist für ihn simpel: Man braucht nur das „asymmetrische“ Bonus-System, das erfolgreiche Spekulationsgeschäfte der Bankangestellten mit Boni belohnt, durch ein „symmetrisches“ Bonus/Malus-System zu ersetzen, bei dem im Misserfolgsfalle nicht einfach die Boni entfallen, sondern der Angestellte mit Mali, also Einkommensabzug, bestraft wird. Genial! Fragt sich nur: Warum sind die Bankvorstände nicht schon lange auf diese „einfache Lösung“ gekommen, dass die Angst vor dem Malus aus Hasardeuren in Nadelstreifen Hellseher macht, die nur noch Spekulationsgeschäfte abschließen, die garantiert aufgehen? Nie mehr platzende Kredite, nie mehr abstürzende Wertpapierkurse, nie mehr Bankpleiten, nie mehr Finanzkrisen!

Quellen: Starbatty [1]: Prof. Joachim Starbatty: Warum die Ökonomen versagt haben; FAZ.net 3.11.2008 Starbatty [2]: Prof. Joachim Starbatty: Marktwirtschaftliche Zwänge für die Akteure im Finanzwesen; NZZ 11.11.2008 Starbatty [3]: Prof. Joachim Starbatty: Die Subprime-Krise als Folge von Fehlanreizen; NZZ 19.1.2008 Möschel: Prof. Wernhard Möschel: Auch der Staat hat versagt; NZZ 8.11.2008 Lütz: Prof. Susanne Lütz, FU Berlin: ,,Geld regiert die Welt“. Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung ,,Wer regiert die Welt mit welchem Recht“ an der Uni Tübingen

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