Streit um Religion im Biologieunterricht:

Der Schöpfung die Krone aufgesetzt

Frau Karin Wolff, Kultusministerin von Hessen und frühere Religionslehrerin, hat einen schönen Einfall für die Erziehung des deutschen Nachwuchses. Sie kommt dem Auftrag nach, wie er im Lehrplan ihres Landes formuliert ist, wonach „Auseinandersetzungen mit philosophischen und religiösen Aussagen die naturwissenschaftliche Diskussion ergänzen und erweitern müssen“ (Stern.de, 11.7.07), und plädiert für die Verknüpfung der biblischen Schöpfungslehre mit der Evolutionstheorie im Biologieunterricht. Mit ihrem Vorschlag erntet sie harsche Kritik von Leuten, die meinen, Wissenschaft und Glauben gehörten sich an den Schulen besser auseinander gehalten: „Die Schöpfungsgeschichte gehöre in den Religionsunterricht, in Biologie sollte ausschließlich die wissenschaftlich fundierte Evolutionstheorie gelehrt werden.“ (Jürgen Schreier, CDU, in Spiegel 29/07) In Biologie würde schließlich Wissenschaft unterrichtet – aber da täuschen die Widersacher sich ein wenig über den Bildungsauftrag der Schule.

Auf den nämlich kommt es der Frau Minister an, und dazu stellt sie klar, was es mit dem Wissen auf sich hat, das im Biologieunterricht ihrer Anstalten vermittelt werden soll. Eine „erstaunliche Übereinstimmung der symbolhaften Erzählung der Bibel von den sieben Schöpfungstagen mit der wissenschaftlichen Theorie der Evolution“ (FAZ, 29.6.) hat sie da bemerkt, und das ist in der Tat erstaunlich – wird demzufolge doch in der schulischen Abteilung Naturwissenschaft ein Unterrichtsgegenstand verhandelt, bei dem die Grenze zwischen religiöser Fantasterei und wissenschaftlicher Erkenntnis gar nicht auszumachen sein soll. Die Expertin für Bildung verrät zwar nicht, worin Genesis und Genetik, Bibel und Biologie für sie so erstaunlich übereinstimmen. Doch sie lässt wissen, wie man den Gegensatz zwischen Glauben und Wissen um die Ecke bringt, so dass sich einem die Erkenntnisse der Wissenschaft über den Genuss symbolischer Dichtung auftun:

„Sie plädiere für verbindende Fragestellungen bei den Themen der Herkunft des Menschen und der Bestimmung des Lebens und für einen modernen Biologieunterricht, in dem auch die Grenzen naturwissenschaftlich gesicherter Erkenntnis sowie theologische und philosophische Fragen nach dem Sinn des Seins und der Existenz von Welt und Menschen eine Rolle spielen sollten.“ (FAZ, 29.6.)

Damit sich die naturwissenschaftliche Erkenntnis eines Darwin über die Entwicklung der Arten mit religiösen Deutungen vom göttlichen Schöpfungsakt „verbinden“ lässt, braucht man sie nur zu einem Beitrag zu „Fragestellungen“ umzuinterpretieren, die mit den Erkenntnissen der Evolution von vorneherein nichts zu tun haben. Indem man den Erkenntnissen über die Entwicklung der lebendigen Materie durch Mutation und Selektion die metaphysischen Fragen nach der „Herkunft des Menschen und der Bestimmung des Lebens“ unterschiebt, werden aus Evolutionstheorie und Religion eben zwei unterschiedliche Weisen, auf ein und dieselbe Grundsatzfrage Antwort zu geben. Aus Naturwissenschaft wird ein Baukasten zur Sinnstiftung, eine Manier, die höhere Sinnhaftigkeit des menschlichen Daseins zu thematisieren und den Absprung der Gattung homo sapiens von den höheren Primaten weltanschaulich zu deuten: Ausgerechnet die wissenschaftliche Widerlegung der Teleologie aller zirkulierenden Schöpfungserfindungen durch die Evolutionstheorie erfreut sich der Würdigung als wertvoller Baustein zur Pflege theologischer Mystifikationen. Und wo jede Differenz zwischen Deutung und Erklärung eingeebnet ist, lässt sich die Quintessenz einer ‚Lehre’, die die Wissenschaft bereithält, dann auch prima in biblische Symbolwelten hinein und aus ihnen wieder herauslesen

Trotz all der da angeblich aufzufindenden „Übereinstimmungen“ fallen der gebildeten Frau sofort die „Grenzen“ ein, die „naturwissenschaftlich gesicherte Erkenntnis“ im Unterschied zu Glaubensbekenntnissen auszeichnen. Wer der naturwissenschaftlichen Erklärung der menschlichen Entwicklung Fragen wie die nach dem „Sinn der Existenz“ unterschiebt – die sie gar nicht zu beantworten vorhat, weil sie eben nicht Religion oder Philosophie ist – und sie daraufhin abklopft, als wie sinnvoll eingerichtet sie das alles präsentiert, was bei der Evolution herausgekommen ist, dem ist es ein Leichtes, an der Wissenschaft den Mangel zu entdecken,, dass sie die ihr unterschobene Sinnfrage nicht religionstauglich beantwortet. Weil sie für die Beantwortung der metaphysischen Fragen, die die Frau Ministerin für bedenkenswert und wesentlich hält, nur bedingt brauchbar ist, werden der Wissenschaft „Grenzen“ bescheinigt, die in Wahrheit gar nicht ihre sind, sondern aus dem esoterischen Interesse der Fragestellerin resultieren. So wird aus Erkenntnis das Gegenteil, nämlich das Gebot zur Skepsis gegenüber jeglicher naturwissenschaftlichen Erkenntnis. Als solches ist die Theorie der Evolution für die Erziehung der Schuljugend dann wieder sehr brauchbar. Dann ist sie ein einziges Dokument dafür, dass man bei der Suche nach Antworten auf „die Frage nach dem Sinn des Seins und der Existenz von Welt und Menschen“ das Wissen über die Natur des Menschen vergessen muss und sich ganz in das Menschenbild versenken muss, welches da Aufschluss gibt. Der Besonderheit des Menschen, die „Krone der Schöpfung“ zu sein, dem möchte Frau Wolff im Schulunterricht Raum geben, nicht nur im Fach Religion, sondern eben auch im Fach Biologie. Da mag das mit der „Krone“ vielleicht noch vorkommen, wenn der der Mensch in naturphilosophischer Manier als höchste Organisationsform der Materie bestimmt wird: Die rechte Demut fehlt da aber. Die stellt sich ein, wenn er sich als gelungenstes Werkstück und damit zugleich Knecht Gottes betrachtet, als ein von unbegreifbarer Allmacht geschaffener und gelenkter Erdenwurm. Diese geistige Leistung macht ihm wirklich kein Affe nach!

Kritiker der Frau Minister haben an der Sinnfrage und ihrer gottgefälligen Beantwortung gar nichts auszusetzen, aber sie monieren die Vermischung von Biologie- und Religionsunterricht. Sie warnen davor, die „Trennschärfe von Glauben und Wissenschaft aufzuheben.“ (Spiegel 29/07) Wissenschaft und Glauben sollen voneinander getrennt, also nebeneinander unterrichtet werden. Zusammen mit der Ministerin hält man also die Teleologie, die im Fach Religion gelehrt wird, für keinesfalls durch den Unterricht im Fach Biologie argumentativ widerlegt, obwohl sie es de facto ist. Man legt vielmehr Wert auf eine friedliche Koexistenz zwischen dem, was da in beiden Fächern als jeweilige ‚Lehre’ im schulischen Angebot ist. Beides soll sein gutes Recht haben, nur eben stundenplanmäßig sauber voneinander getrennt. Und wenn man schon gegen die Frage nach dem höheren Sinn, der hinter dem ganzen Erdengewusel stecken soll, grundsätzlich gar nichts einzuwenden hat und die Antwort, die die Religion darauf zu geben hat, nicht zurück-, sondern an ihren Platz weisen will, dann findet man als Kritiker der Schöpfungslehre auch gar nichts dabei, selbst dauernd Sinnfragen zu finden und ihre Bedeutung gerade angesichts des Fortschrittes der Naturwissenschaften zu betonen. Das Stichwort ‚Menschwerdung’ wird nicht als unwissenschaftlich aus dem Biologieunterricht verbannt, sondern in ihm thematisiert. In Differenz zur schöpfungstheoretisch angehauchten Frau Kultusminister pocht man aber auf die eigene Kompetenz zur Vermittlung von ‚Lehren’, die aus naturwissenschaftlichem Wissen zu ziehen sind. Was also wie ein religionskritischer Rückruf zur Sachlichkeit klingt, ist nur die Forderung, dass die Mär vom Schöpfergott keinesfalls fachübergreifend an der Schule verkündet werden soll. Dann geht für den Fan von ‚Trennschärfe’ alles in Ordnung, was im Religionsunterricht gepredigt wird. Ein „antiaufklärerischer Rückfall“ (Leggewie) findet erst dort statt, wo dem Biounterricht keine eigenständige Deutung der Weltentwicklung mehr erlaubt ist. Solange dort die erbaulichen ‚Lehren’, die Bienen und andere Staaten bildende Völker, aber natürlich auch ‚die Evolution’ für den Menschen bereithalten, ganz ohne religiöse Verwässerung gelehrt werden dürfen, ist alles in Ordnung.

Schlichter im Sinnstiftungsstreit merken deshalb zur Beruhigung aller Beteiligten an, dass die Evolutionsbiologie erst im elften Schuljahr gelehrt werde – wer also mit der Mittleren Reife abschließt, erfährt eh nichts von ihr. Religionsunterricht hingegen haben alle von der ersten Klasse an – und so kommt zumindest in der Schule und was die dortige Bildung betrifft keiner seiner „Bestimmung“ aus.

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