Psychologisch verfremdete Nachrichten aus der Marktwirtschaft

Was ist los, wenn die „Arbeitssucht“ grassiert?

Vor einiger Zeit macht die Illustrierte „Stern“ auf mit dem Titel: „Süchtig nach Arbeit“ (16/2011). Vorgestellt werden da Leute, die in und vor allem wegen ihrem aufreibenden Berufsleben irgendwann zusammenbrechen und dann von Psychologen als „arbeitssüchtig“ eingestuft werden. Dazu werden dem Leser eine Reihe von Symptomen dieser merkwürdigen Krankheit vorgestellt: Der arbeitssüchtige Angestellte oder Manager kennt nur noch seine Arbeit, macht haufenweise Überstunden, kennt kein Wochenende, kümmert sich um nichts anderes mehr, vernachlässigt die Familie und betrachtet jede Art von Freizeit als Ablenkung oder Störung.

Es ist nicht zu bestreiten, dass es solche Figuren gibt, die bis zum Umfallen arbeiten und dabei ihren Körper und mindestens ebenso sehr ihren Geist übermäßig belasten. Aber: Wie kommen sie darauf, sich selbst so zu traktieren, dass ihnen am Ende nichts mehr einfällt als der Ruf nach dem Psychiater? Der Begriff „Arbeitssucht“ sagt: Mit, oder vielleicht besser: in diesen Leuten stimmt etwas nicht, ein psychischer Defekt treibt sie in ein krankhaftes, selbstzerstörerisches Verhalten. Wenn Psychologen mit dieser Diagnose anrücken, können sie das immer mit einem einfachen Hinweis plausibel machen: Da handelt es sich zwar um ein durchaus massenhaft vorkommendes Phänomen, letztlich aber dennoch um ein vom „Normalen“ abweichendes Fehlverhalten des jeweils Einzelnen.

Vom Zwang zur Konkurrenz…

Dabei ist eines von vornherein klar: Es ist nicht die bestimmte, die konkrete Arbeit, die den „Süchtigen“ so fesselt. Bei Künstlern oder Leuten, die zufälligerweise ihre Liebhaberei zum Beruf machen können, mag es vorkommen, dass ihnen ihre Tätigkeit so gefällt, dass sie darüber die Zeit vergessen, aber der „Arbeitssüchtige“ ist garantiert nicht ins Telefonieren oder in Tabellenkalkulationen verliebt. Wie alle seine Kollegen hat er sich mit Anforderungen auseinanderzusetzen, die nicht er sich ausgesucht hat, sondern die der Betrieb ihm vorsetzt. Der Betrieb will diese Anforderungen auf eine Art und Weise erledigt sehen, die seinen Erfolg garantieren – das heißt: Mit einer einmal erbrachten Leistung ist er nie zufrieden, es kommt ihm auf eine ständige Steigerung des Leistungsniveaus an. Das lässt sich auf denkbar einfache Art erzwingen: Der Betrieb stellt die Leute gegeneinander auf, lässt sie gegeneinander konkurrieren. Damit ist der Erfolg des einen der Misserfolg des anderen. In solchen Betrieben steht ständig die Frage auf der Tagesordnung, wer von der Mannschaft weiter nach „oben“ kommt, wer sich für eine Festanstellung oder für einen höheren Posten mit mehr Verdienst ins Gespräch bringen kann; das Ganze aber auch in die andere Richtung: Welche Mitarbeiter überleben die nächste Kündigungswelle.

… über die Hoffnung auf Chancen…

Es ist leider üblich, dass die Mitarbeiter die vom Betrieb angeordnete Konkurrenz annehmen und jeder schaut, wie er sich auszeichnen, d. h. die anderen ausstechen kann – richtig ist es trotzdem nicht. Nicht deswegen, weil das irgendwie – wie ja auch gerne beklagt wird – nach „Egoismus“ oder „Ellenbogen“ ausschaut, sondern weil die Konkurrenz im Betrieb ein Mittel des Arbeitgebers ist, die Leistung zu steigern. Die Beschäftigten rechnen sich eine „Chance“ aus, das heißt eine bloße Möglichkeit, ihre Position zu verbessern, die sie gar nicht in der Hand haben, die aber ein sicheres Resultat hat: den Erfolg des Betriebs. Klar: Jeder will „etwas aus sich machen“ und „im Leben weiterkommen“ und wie die Sprüche alle heißen, und jeder meint, es liege ganz an ihm, betrachtet also sich selbst
als
Mittel seines Erfolges. Heraus kommt, dass sich alle anstrengen und ein höheres Leistungsergebnis erzielen. Ob freilich ein höherer Posten zu besetzen ist, wer dafür in Frage kommt und ob eine Gehaltserhöhung passiert, alles liegt ganz und gar im Ermessen des Betriebsund verdankt sich ganz anderen Gründen als dem, eine erbrachte Leistung zu honorieren. Der Betrieb zwingt allen einen Vergleich per Konkurrenz auf, damit mehr Leistung für die erhaltene Bezahlung abgeliefert wird. Bezahlt wird aber gar nicht die Leistung; mehr Leistung führt nicht automatisch zu höherer Bezahlung und eben deswegen hat es keiner in der Hand, diesen Vergleich für sich zu entscheiden. Nicht nur legt der Arbeitgeber alle Umstände fest, unter denen diese Konkurrenz abläuft, er entscheidet auch ganz frei darüber, wem er auf Basis seiner Berechnungen einen Karriereschritt zukommen lässt und wem nicht.

…zum Leistungsaktivisten…

Die Botschaft, die beim Arbeitnehmer ankommt, ist: Dann muss ich mich eben noch mehr anstrengen. Er macht dem Betrieb das Angebot: Du kannst noch mehr über mich verfügen, noch mehr von mir verlangen. Das hat nach der menschlich-moralischen Seite hin zur Konsequenz, dass es genug Ekelbolzen gibt, die sich bei den Vorgesetzten einschleimen und versuchen, die werten Kollegen anzuschwärzen und – Stichwort „Mobbing“ – zu drangsalieren. Ansonsten bleibt bloß der angestrengte und anstrengende Nachweis, dass man seinen eigentlichen Lebensinhalt in der Erfüllung der betrieblichen Anforderungen sieht. Die Mitarbeiter unterscheiden sich darin, wie weit sie dabei gehen wollen, grundsätzlich machen sich jedoch alle zu Aktivisten des Vergleichs, der mit ihnen angestellt wird. Die psychologisch diagnostizierte „Arbeitssucht“ ist nichts anderes und nicht mehr als die radikale Ausformung dieser Bereitschaft, sich ganz und gar der Möglichkeit eines Erfolges in der Konkurrenz zu verschreiben, nur für diese Hoffnung zu leben und dem alles andere unterzuordnen.

…und psychologischen „Fall“

Es stimmt also nicht, wenn die psychologischen Experten für das menschliche Innenleben behaupten, häufige Mehrarbeit, Wochenendeinsätze, ständig für den Betrieb erreich- und verfügbar zu sein etc. wären klare Indizien für ein individuelles Fehlverhalten, eine krankhafte Entgleisung, eben eine Sucht. Im Gegenteil: Die Unterordnung unter die Anforderungen des Betriebs ist erst einmal die erwünschte und nach allgemeiner Meinung normale Gepflogenheit. Ein gewisses Maß an Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst und alle Interessen, die man außerhalb der Arbeit hat, ist damit als selbstverständlich abgehakt.

Die radikale Bereitschaft seines Patienten zum Konkurrieren, seinen Ehrgeiz, seinen Willen zur Anpassung, womit er sich schließlich kaputtmacht, ist auch für den Psychologen der positive Ausgangspunkt seiner Betreuungstätigkeit. Eine Störung namens „Arbeitssucht“ diagnostiziert er dann, wenn die Leute den ihnen gestellten Anforderungen nicht mehr gerecht werden können, durch den rücksichtslosen Umgang mit sich selbst aus ihren gewohnten Bahnen herausfallen, wenn ein komplettes Scheitern droht. In den Augen des Psychologen hat der Mensch dann eine Störung, wenn er eine zu werden droht – denn womöglich erbringt der Mitarbeiter dann gar keine Leistung mehr und fällt der Krankenkasse zur Last. So dumm und brutal ist das Kriterium, nach dem der Psychologe die von der Konkurrenz erzwungenen Arbeitsgewohnheiten beurteilt: Die vom Arbeitsleben verlangten Funktionen müssen erfolgreich erfüllt werden, und dabei hält es der eine eben aus, der andere nicht! Dort, wo ein Mensch sich selbst zum Mittel für den angestrebten Erfolg macht und dabei um des Erfolgs willen alle anderen Zwecke und eigenen Bedürfnisse zurückstellt und als Störung betrachtet, sieht ein Psychologe eine über das „normale“ Maß hinausgehende Übertreibung, die er in einen unkontrollierten, krankhaften Zustand seines Patienten verwandelt. Er ist sich ganz sicher, dass die Gründe für diese rätselhafte Entgleisung nicht in der Arbeitswelt liegen, sondern in der Person, die sich so dysfunktional verhält. Der – und nicht der Firma – dichtet er ein unstillbares Verlangen nach Immer-mehr-Arbeiten an, das er „Sucht“ nennt, und dieses zwanghafte Verhalten signalisiert ihm ganz klar „tiefere Probleme“ der Person mit sich selbst,

Was in seinem Seelenleben nicht in Ordnung ist herauszufinden, dabei hilft ihm dann der Psychologe. Wenn man da angelangt ist, bei der Befassung des „Arbeitssüchtigen“ mit sich und seinen inneren Geheimnissen, dann findet als ein „Faktor“ unter anderen auch die Welt des Arbeits- und Konkurrenzzwanges Erwähnung: als ein Stress-Moment, das einem labilen Menschen ganz schön zusetzen kann. Aber wie gesagt: Der eine hält’s aus, der andere eben nicht…

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