Mikrokredite

Ringvorlesung „Wirtschaftsethik“
zum Thema „Mikrokredite – Die gerechte Marge“ am 19. Mai:

Je ein Vertreter der Genossenschaftsbank Oikocredit und der Deutschen Bank machen PR für das Mikrofinanz(MF)-Geschäft ihrer Banken. Die Banker preisen ihre Kreditgeschäfte in Armutsregionen der Welt als „sehr gute Anlagemöglichkeiten“ und „relativ sichere Investmentgelegenheit“ an und machen sich damit als die berufenen Helfer der armen Leute vorstellig.

Davon, dass die Gleichungen Kredit = Hilfe und ihre 3.‑Welt-gerechte Umformung Mikrokredit = Hilfe für die ganz Armen akzeptiert werden, gehen sie ganz selbstverständlich aus: Sie argumentieren nicht für sie, sondern mit ihnen. Seit der Urheber dieser Geschäftsidee Mohammad Junus 2006 den Friedens-Nobelpreis erhalten hat, hat MF den Ruf, vor allem eine gute Tat zu sein, mit der man sich Verdienste in des Wortes doppelter Bedeutung erwerben kann: MF ist ein gutes und wachsendes Geschäft für die Banken, eine gute Anlage für Leute mit großem Vermögen und ebenso großem Herzen, ja sogar für kleine Sparer, die mit ihren Notgroschen gleichzeitig auch noch etwas für ihr gutes Gewissen tun wollen, kurz: der Investor erwirbt sich mit dem Erwerb dieser Finanzprodukte auch noch unsterbliche Verdienste für die Behebung der Not der Armen in der Dritten Welt – und zwar, auf diesen Hinweis mochten deren Vertreiber, denen es ansonsten mehr auf die finanztechnische Beschreibung ihrer Produkte ankam, nicht verzichten, in der einzig sinnvollen Form.

Wer nämlich meint, mit Spenden für die 3. Welt Gutes zu tun, liegt schief: „Nur in Fällen von Naturkatastrophen, wo sofortige Hilfe angesagt ist, kann Spenden sinnvoll sein.“ Gibt man den armen Schluckern ansonsten einfach Geld, dann macht man sie zu „Empfängern“ und dadurch „abhängig“, wogegen die Mikrofinanzindustrie ihre „Kunden“ durch die ihnen auferlegte Verpflichtung zur Zinszahlung zu einer „nachhaltigen Einstellung erzieht“. Im Grunde, so ist da implizit behauptet, finden sie deshalb keinen Weg aus ihrer Armut, weil es ihnen an Fleiß, Disziplin, Durchhaltevermögen, Sparsamkeit – mit einem Wort: an Sinn für Nachhaltigkeit – fehlt. Kapitalismus als Erziehungsmittel ist deshalb genau das, was die Elenden brauchen. Die streng überwachte Pflicht zur Kreditbedienung tut ihnen nur gut und hilft ihrer Schaffenskraft auf die Sprünge. Wenn die Agenten der MF-Agenturen vor Ort, „die sich da bestens auskennen“, vor allem darauf achten, dass die „Kredite nicht für Konsum zweckentfremdet werden“,
dann sind sie nicht etwa bloß im Interesse der Investoren unterwegs, die ihr Geld mit Zins zurückhaben wollen, sondern angeblich auch im Interesse derer, die sie daran hindern, das erhaltene Geld für ihren Bedarf auszugeben, so dass sie dann wieder mittellos dastehen und schon wieder Geld brauchen.

Was aber wäre grundsätzlich so schlimm daran, dass Menschen, denen es dauerhaft an Lebensmitteln fehlt, davon leben, dass andere von ihrem Überfluss abgeben? Nichts, solange diese Hilfe beständig in dem Umfang fließt, in dem sie gebraucht wird. Es mag ja sein, dass die Existenz solch generöser Dauerspender in dieser Welt der Geldwirtschaft ein Wunder wäre. Aber das umgekehrte Wunder – einen Dauergeldfluss von armen Mikrokreditschuldnern zu den MF-Verleihern, der sogar noch den Lebensunterhalt Ersterer mitfinanzieren soll – das erklären die MF-Propagandisten für leicht realisierbar. Dabei stellen die Volkserzieher der MF-Organisationen allerdings das wirkliche Verhältnis von Zweck und Mittel im Bankgeschäft auf den Kopf: Zins zu erwirtschaften, soll nicht der Zweck des Geldverleihens sein, sondern ein raffiniertes Mittel, um den Schuldner zu regelmäßiger Arbeit anzuhalten und an die Härten der Selbstverantwortung zu gewöhnen. Solange die Rückzahlungen funktionieren, kann man ja so tun, als liefen beide Ziele auf dasselbe hinaus: Der Zwang, einen Teil der eigenen Arbeitszeit für die MF-Bank zu arbeiten, der Zwang also, eingenommenes Geld erst einmal für Zins und Tilgung zu zahlen, bevor man das, was dann noch übrig ist, „für Konsum zweckentfremden“ darf, geht dann als Hilfe durch, als die beste Erziehung zur Arbeit für sich selbst.

Mit der Ablehnung des „perspektivlosen“ Spendenwesens und dem Lob der erzieherischen Wirkung der Zinspflicht war die Menschenfreundlichkeit der Mikrofinanzindustrie so ausreichend belegt, dass sich der Rest der Veranstaltung technischen Fragen widmen konnte.

Weil die Veranstalter dem Publikum die Erklärung schuldig blieben, auf Grund welcher Voraussetzungen, wie und womit das Finanzkapital mit seiner Abteilung „Mikrofinanzindustrie“ auch noch aus dem absoluten Pauperismus in der Welt Geld macht, tragen wir sie hier nach.

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Die Länder, in denen Mikrokredite als „Hilfe“ angeboten werden, sind dadurch gekennzeichnet, dass überkommene Formen von Subsistenzwirtschaft, die traditionellen Formen von Kooperation, Arbeitsteilung und sozialem Verbund inzwischen durch die Macht des Privateigentums aufgelöst und zerstört und die Leute auf Gelderwerb durch Lohnarbeit angewiesen sind. Gleichzeitig besteht an der aber nur relativ geringer unternehmerischer Bedarf. Die wenigen Lohnarbeiter, die beschäftigt werden, sind folglich zu Hungerlöhnen zu bekommen. Es wird gehungert, auch verhungert; das Überleben wird zu großen Teilen nur durch private oder staatliche, nationale und internationale Hilfsprogramme organisiert, aber nicht gesichert.

In dieser Lage, die auch vom Standpunkt des dort nur spärlich zu machenden Finanzgeschäfts betrüblich ist, haben findige Finanzer schon vor geraumer Zeit entdeckt, dass da doch mehr geht: Wenn mit Industrie und Lohnarbeit dort nicht viel los ist, muss man die Armen eben selbst zu kleinen Geschäftsleuten machen und sie mit Geschäftskrediten ausstatten, an denen man verdienen kann.

Dabei ist eines klar: Wo tatsächlich überhaupt keine Zahlungsfähigkeit auszunutzen ist und nur Elend herrscht, fließen auch keine Kredite. „Wir sind vor Ort, kennen die Verhältnisse und schauen uns genau an, ob bei den Endkunden tragfähige Aussichten auf ein Geschäft bestehen. Wir haben auch nichts zu verschenken!“, so der Oikocredit-Vertreter. Nicht von ungefähr boomt MF v. a. in Indien und nicht in den allerärmsten Ländern Afrikas.

Die Kredite werden an eine Gruppe von Leuten vergeben, meist Frauen, in der jede für den Kredit einer jeden haftet. So wird wechselseitig Druck ausgeübt, die fälligen Beiträge zur Kreditbedienung zu leisten und das Geld dafür woher auch immer zu beschaffen, auch wenn man es gerade dringend, z. B. für Medikamente bräuchte. Daher können Oikocredit und Co. dem Anleger gegenüber mit einer extrem hohen Rückzahlungsquote von bis zu 98 % werben. Gar nicht selten halten die so Beglückten die Schande, ihren Familien und Sippschaften den Druck der Zinsverpflichtungen aufgehalst zu haben, nicht aus und bringen sich um.

Egal, was die Empfänger mit dem Kredit hinbekommen, der Zwang, Geld zu verdienen, tritt ihnen jetzt mit der Wucht des Rechtsanspruchs des Gläubigers auf Bedienung des gegebenen Kredits entgegen. Zuallererst hat der verzinst und getilgt zu werden. Wenn dann noch etwas übrig bleibt, schön für den Kreditnehmer, wenn nicht, kann er trotzdem lachen: Auf jeden Fall „erzieht es ihn zu nachhaltigem Denken“!

Die „Nachhaltigkeit“, die da zustande kommt, sieht der Oikocredit-Mann laut eigenem Bekunden darin, dass seine „Kunden“ nächstes Jahr wieder zu ihm kommen und somit das Geschäft von Oikocredit und das seiner Einleger nachhaltig machen. Unabhängig werden Mikrokreditnehmer also genauso wenig wie die oben erwähnten „Empfänger“ von Dauerhilfen.

Um ihren Kredit zu bedienen, können sich die „Kunden“ einfachste Produktionsmittel kaufen, arbeiten und versuchen, das erzeugte Produkt zu verkaufen. Die Lobredner der MF tun dabei so, als wäre das für die Leute der Königsweg aus der Armut hin zu ökonomischer Selbständigkeit (und für die Frauen zu Emanzipation) – als wäre damit, dass dann irgendetwas produziert worden ist, auch schon klar, dass es einen Geldwert hat, auf den allein es doch wegen der Kreditverpflichtungen ankommt. Ob es den hat und wie
groß der ist, erweist sich aber erst im erfolgreichen Verkauf auf dem Markt! Da steht dieses Produkt einfacher Handarbeit in Konkurrenz zu Produkten, die von schlagkräftigen Konzernen billig, weil mit produktivster Maschinerie, also relativ wenig zu bezahlenden Arbeitern, hergestellt wurden und überall in der globalisierten Welt die Läden füllen.

Und selbst da, wo diese Konkurrenz nur beschränkt auftritt (wie z. B. im Kunsthandwerk), konkurriert es mit den Produktionsergebnissen anderer Kleinunternehmer, denen die MF-Institutionen ebenfalls so eine zinsträchtige Existenz verkauft haben, um das bisschen Zahlungsfähigkeit im nahen Umkreis oder von Touristen. Oder es muss ein „Verleger“ gefunden werden, der die Produkte abnimmt, um damit auf entfernteren Märkten sein Geschäft zu machen. Dafür heizt er die Konkurrenz der Produzenten an und nützt sie aus, so dass ganze Familienclans am Ende für die Erwirtschaftung des Kreditzinses eingespannt sind. Das einzige, was diese Verwendung des Mikrokredits also sicherstellt, ist die Plackerei von Leuten, denen nichts bleibt, als sich selbst für den MF-Gläubiger auszubeuten.

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So geht die praktische Verankerung eines angepassten Armutskapitalismus in Weltregionen, die der Rechnungsweise des Kapitals unterworfen sind, ohne dass Kapitalisten mit den menschlichen und natürlichen Produktionsbedingungen dort so recht etwas anzufangen wüssten. Kapital, das Arbeit kauft, um daraus seinen Gewinn zu ziehen, gibt es kaum. Deshalb haben die Menschen kein Geld und ohne Geld können sie nicht (über)leben. Diese zerstörerische Abhängigkeit vom Kapitalinteresse ist für Mikrokreditfreunde so selbstverständlich, dass sie die Bereitstellung von (Mikro)Kapital zu einem Weg aus der Armut verklären.

Dabei sind sie konsequent! Selbst da, wo weit und breit keine zahlungskräftige Kundschaft auszumachen ist, an die sich etwas verkaufen ließe, um mit dem Erlös Kredite zu bedienen, soll die Hilfe in Kreditform erfolgen. Dabei kommen zwar doch wieder Spendengelder zu Ehren, die aber nicht an die Bedürftigen direkt fließen sollen:

Die Tübinger Lokalgruppe von Global Marshall Plan, ruft dazu auf, ein MF-Projekt zu unterstützen, mit dem Frauen in einem kenianischen Dorf Schuluniformen produzieren und an „unseren Partnerverein Uhuru [= Freiheit!] e. V.“ verkaufen sollen. Um den mit finanziellen Mittel auszustatten, werden Spenden gesammelt. So ist Spenden dann wirklich sinnvoll, denn mit ihnen kriegen die Frauen nicht einfach Lebensmittel, die doch nur „abhängig machen“. Ein MF-Projekt kriegt vielmehr die Möglichkeit, ein Finanzgeschäft aufzuziehen und damit den Armen das zu geben, was sie eigentlich brauchen: Freiheit und Würde. Arme Leute, die ihre Rechnungen bezahlen und ihre Schulden tilgen (oder sich zumindest mit aller Kraft darum bemühen) haben nämlich „Würde“ – die Sorte Selbständigkeit und Respektabilität nämlich, die die Freiheit kapitalistischer Existenzen ausmacht und mit der sie im Misserfolgfall zugrunde gehen. Ihre vertraglich eingegangene Abhängigkeit vom Mikrokreditgeber gilt als Unabhängigkeit, die erfüllte Pflicht zur Verzinsung als Freiheit. Geschenkte Hilfe anzunehmen, wäre dagegen Unselbständigkeit, Elend im eigentlichen Sinne und begründete zu Recht Verachtung für eine gänzlich falsche Grundhaltung.

Mit ihrer moralisch besonders glaubwürdigen, weil materielles Eigeninteresse gar nicht verleugnenden Innovation, beweisen MF-Organisationen, dass sich auch die ganz Armen im Kapitalismus unterbringen lassen; d. h. dass sich auch für sie – wenigstens für einige von ihnen – die fragwürdige Gleichung von Arbeit für den Lebensunterhalt und Arbeit fürs Kapital organisieren lässt, in diesem Fall eben für das Kapital der Bank.

Für Empörung sorgt allenfalls eines: Inzwischen gibt es auch in diesen Gegenden „Schlaue“, die MF-Instituten wie Oikocredit und Deutscher Bank abgeguckt haben, wie „Geld machen“ geht und deshalb geschätzte Kunden der MF-Institutionen sind. Sie werden selbst zu Kleinstkreditgebern und verleihen Geld, das sie z. B. für 12 % p. a. aufgenommen haben, für 24 % weiter. „Shockingly, the poor are exploiting the poor by charging high rates of interest“ (S. Sharma, zit. nach T. Nilges, Uni Duisburg, 2005). Wie fein doch Gutmenschen zwischen ehrenwerten Mikrofinanz-Bankiers und wucherischen Kleinstkredithaien unterscheiden können!

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