„Bedingungsloses Grundeinkommen“ – Kapitalismus mit menschlichem Antlitz?

Genug für alle!“ versichert Attac und wirbt mit seiner gleichnamigen Kampagne gleich für den Realismus der Forderung nach einem Grundeinkommen. Die fortschreitende Produktivität der Wirtschaft mache auf der einen Seite immer mehr Leute arbeitslos, schaffe aber auf der anderen auch einen Überfluss an Gütern, mit denen diese Gesellschaft – und nicht nur die – locker versorgt werden könnte, wenn man diesen Überfluss nur richtig verteilen würde. Ein netter Gedanke, könnte man meinen, würden die Befürworter des Grundeinkommens nicht zugleich an dem Grundsatz festhalten, dass es bei der Produktion auf Rentabilität ankommt. Dass nämlich kapitalistische Unternehmen nur dann produzieren lassen und die dafür notwendige Arbeitszeit bezahlen, wenn sie sich einen Überschuss über die zur Produktion aufgewendeten Kosten versprechen, das halten die kritischen Geister von Attac für eine „Realität“, an der man „nun einmal nicht vorbeikommt“. Rationalisierungen, die Kapitalisten vornehmen, um sich durch Einsparung von bezahlter Arbeit in der Konkurrenz durchzusetzen, halten sie einerseits für „vernünftig“, weil reichtumssteigernd, wäre da nicht andererseits die üble Folge, dass die darüber Entlassenen erwerbs- und damit mittellos werden. Also müsste doch bloß der Staat dafür sorgen, dass keiner mehr mittellos ist, dann könnte doch die Wirtschaft prächtig so weitermachen wie bisher.

Diese Idee hat auch Befürworter aus der Wirtschaft, wie den Gründer der Drogeriemarktkette dm, Götz Werner:

Die Wirtschaft hat nicht die Aufgabe, Arbeitsplätze zu schaffen. Im Gegenteil. Die Aufgabe der Wirtschaft ist es, die Menschen von der Arbeit zu befreien. Und das ist uns in den letzten 50 Jahren ja auch grandios gelungen.“ (Stuttgarter Zeitung, 2.7.2005)

Wenn er betont, dass die Wirtschaft nicht für die Schaffung von Arbeitsplätzen zuständig sei, dann plaudert er einerseits eine Selbstverständlichkeit der Marktwirtschaft aus: Unternehmer sind für Profit zuständig und dafür ist die bezahlte Arbeit ein Mittel. Nur dann, wenn sie lohnend eingesetzt werden kann, wird Arbeit gezahlt und sonst eben nicht. Andererseits wendet er sich damit aber auch gegen die zentrale Ideologie von der „Verantwortung der Wirtschaft für Arbeitsplätze“. Stellt sich nämlich heraus, dass relevante Teile der arbeitsfähigen Bevölkerung dauerhaft nicht mehr als Lohnarbeiter gebraucht werden, dann soll man die Wirtschaft auch nicht mehr mit dieser Forderung behelligen. Elegant passt er gleich im Fortgang die Ideologie an diese neuen Gegebenheiten an: Er behauptet einfach als Aufgabe der Wirtschaft, was die sowieso die ganze Zeit macht, nämlich in immer neuen Rationalisierungswellen lebendige Arbeit überflüssig zu machen, und belegt das mit dem positiv besetzten Begriff „Befreiung von Arbeit“. Das ist zwar genauso wenig wahr wie die alte Ideologie, ermöglicht ihm aber, aus einem vermeintlichen Versagen der Wirtschaft einen grandiosen Erfolg zu verfertigen. Um diesen Erfolg würdigen zu können, muss man nur seinen harten Inhalt vergessen: „Grandios gelungen“ ist der Wirtschaft „in den letzten 50 Jahren“ die Verbilligung der bezahlten Arbeit durch die Entlassung der Leute, die wegen der Erhöhung der Produktivität für den Profit nicht mehr benötigt werden, und damit die Streichung ihres Einkommens. Genau so werden die feinen Gebrauchsgüter immer massenhafter und immer billiger hergestellt – und die, die sie produzieren, immer ärmer, weil sie „von Arbeit befreit“ wurden, wie Götz Werner dies umzudeuten beliebt. Die in Arbeit verbliebenen Leute unterliegen derweil derselben Kalkulation: Aus jeder bezahlten Arbeitsstunde holt ihr Arbeitgeber durch Einsatz produktiverer Maschinen mehr Produkt aus ihnen heraus, durch Intensivierung wird die Arbeit immer mehr verdichtet und durch Verlängerung der Arbeitszeit das für die Kapitalseite so lohnende Verhältnis ausgedehnt. Hier schiebt sich nichts mit „Befreiung“ von Arbeit, obwohl doch die nützlichen Güter so flugs hergestellt werden können: Weil diese Güter ausschließlich für den Gewinn hergestellt werden, der mit ihnen erzielt werden soll, kommt im Kapitalismus aus einer Produktivitätssteigerung niemals heraus, dass die notwendige Arbeit für alle kürzer und leichter wird und das Leben angenehmer. Wenn es in der Ökonomie wirklich auf die Versorgung der Menschen mit nützlichen Gütern und möglichst bequeme Arbeits- und Lebensbedingungen ankäme, dann wäre der Kapitalismus die dümmste Tour, dies zu verwirklichen.

Doch das sehen die Verfechter eines bedingungslosen Grundeinkommens ganz anders:

Jetzt kommen wir zur zweiten Aufgabe: Die Wirtschaft muss die Güter nicht nur produzieren. Sie muss die Menschen auch mit ausreichend Geld ausstatten, um zu konsumieren.“ (Götz Werner, ebda.)

Na klar, das macht Sinn: Erst eine Güterproduktion einrichten, die auf Gewinnerzielung in Geldform ausgerichtet ist, also auf möglichst niedrige Kosten spechtet – vor allem niedrige Lohnkosten! –; darüber lauter Arme mit und ohne Arbeitsplatz erzeugen, denen das Geld zum Leben fehlt; und anschließend soll dieselbe Wirtschaft „die Menschen auch mit ausreichend Geld ausstatten, um zu konsumieren“ – die gleichen Menschen, die sie zuvor von „Arbeit befreit“, also von ihrem Einkommenserwerb getrennt hat, weil sich ihre Bezahlung für die Rentabilität der Produktion nicht lohnt.

Wirtschaftswissenschaftler wie Thomas Straubhaar vom Hamburgischen Weltwirtschafts-Institut – ebenfalls ein Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens – kommen da schnörkelloser zum Punkt:

Die Lohnnebenkosten sind das dominante Problem des Arbeitsmarktes. Das will ich aufbrechen. […] Der Lohn wird befreit vom sozialpolitischen Ballast […]. Die soziale Sicherung wird davon abgekoppelt. Das ist das Grundeinkommen.“ (Stuttgarter Zeitung, 15.11.2005)

Er will gar nicht erst den Eindruck erwecken, mit dem Grundeinkommen würde eine grandiose soziale Tat für Mittellose ins Werk gesetzt. In seinen Augen ist „die Wirtschaft“ das Not leidende Subjekt, weil der Staat mit den Zwangsbeiträgen zu seinen Sozialversicherungskassen die Lohnkosten in steigendem Umfang belastet. Deshalb ist auch der Staat dafür zuständig, mit der Einführung eines Grundeinkommens und der gleichzeitigen Streichung sämtlicher bisheriger Sozialausgaben, die mittels „Zuschlägen“ zum Nettolohn („Lohnnebenkosten“) finanziert werden, dafür Sorge zu tragen, dass „die Wirtschaft“ nur noch die Zeit bezahlt, in der sie die Arbeitskräfte für ihren Profit braucht, nicht jedoch – per Sozialabgaben – auch noch die Zeiten, in denen sie diese vorübergehend (wegen Krankheit) oder überhaupt nicht mehr (Entlassung, Alter) brauchen kann. Weil der Staat aber notorisch unter leeren Kassen leidet – wie man als durch und durch realistischer Wissenschaftler gar nicht eigens zu betonen braucht –, ergibt sich mit diesem Kriterium zusammengenommen ganz selbstverständlich die Höhe dieses Grundeinkommens:

Derzeit liegt das gesetzlich festgelegte Existenzminimum bei 7.664 Euro im Jahr. Das wäre die Obergrenze. […] Im Gegenzug werden alle anderen Sozialleistungen wegfallen, einschließlich der Rente und des Arbeitslosengeldes. […] Von diesem Geld in Deutschland zu leben, ist wirklich kein Zuckerschlecken.“ (Straubhaar, ebda.)

„Kein Zuckerschlecken“ verharmlost den Zustand ja geradezu, der ein profitverträgliches Grundeinkommen für die davon Abhängigen bedeuten würde. Es soll ausdrücklich „nicht reichen, um den Lebensstandard der Durchschnittsbevölkerung zu finanzieren, sondern soll ausschließlich die Existenz sichern.“ Mitten in einer Gesellschaft, „die nie gekannten Überfluss produziert“ (Götz Werner), würden die Menschen, die, weil sie keinen Arbeitsplatz finden, nur vom Grundeinkommen leben müssen, auf ein Lebensniveau knapp oberhalb des nackten Überlebens festgelegt – und das wird auch noch als großartiges Angebot präsentiert: „Wir wollen ja nicht in den Dschungel zurück, wo es nur ums nackte Überleben geht.“ Danke, Herr Prof. Straubhaar!

Den Grund für diese „Großzügigkeit“ plaudert der gelehrte Mann auch noch aus: „Natürlich wirkt es immer leistungshemmend, wenn wir garantieren, dass niemand verhungert.“ Aber allzu viel mehr darf man im Kapitalismus eben nicht garantieren, will man den Zwang zu einer Leistung erhalten, die sich für diejenigen, die sie erbringen, nicht lohnt. Nur mit dem ständig drohenden Verlust des „Lebensstandards der Durchschnittsbevölkerung“ lassen sie sich zuverlässig zu ständig steigenden Leistungen erpressen, mit denen sie das Eigentum ihrer „Arbeitgeber“ vermehren, von dem sie genau dadurch dauerhaft ausgeschlossen bleiben. Kein Wunder, dass Ökonomen wie Straubhaar das „gesetzliche Existenzminimum“ in einer Größenordnung festgelegt sehen wollen, die diese Leistungsbereitschaft, auf die es im Kapitalismus ankommt, nicht „hemmt“: eben in der Höhe „eines absoluten Existenzminimums“. Nur ein „Grundeinkommen“ oder „Existenzgeld“, das bestenfalls die nackte physische Existenz sichert, garantiert den Erfolg der Erpressung zum Dienst an fremdem Eigentum. Das Grundeinkommen muss so gering sein, dass es jedem damit „Beschenkten“ ziemlich unausweichlich nahe legt, sich nach einer Lohnarbeit umzutun, wenn er anständig leben können will. Dabei war doch der Ausgangspunkt aller Überlegungen über das Grundeinkommen die Tatsache, dass es wegen des „grandiosen“ Erfolgs Götz Werners und seiner Kollegen von „der Wirtschaft“, die Menschen von immer mehr Arbeit befreit zu haben, gar nicht genug Arbeitsplätze für alle gibt, die zur Sicherung ihres Lebensstandards einen brauchen!

[Dieser Beitrag wurde am 1. Februar 2006 im Freien Radio Stuttgart gesendet, und zwar in der Reihe „GegenStandpunkt – Kein Kommentar“ – zu hören jeden Mittwoch um 18 Uhr in Stuttgart terrestrisch auf UKW 99,2 MHz und im Kabel auf 102,1 MHz]

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