Was der Kollaps des Finanzsystems über den Reichtum der kapitalistischen Nationen lehrt

20080831_OekonomieFinanzkriseModelleJetzt, wo die weltgrößten Banken zusammenbrechen und sich über Nacht Vermögenswerte von vielen Milliarden in Luft auflösen, machen sich Politiker, Wirtschaftsfachleute und Journalisten Sorgen um die Wirkungen dieser Zusammenbrüche auf so etwas wie die „Realwirtschaft“. Das ist bemerkenswert, denn bis vor kurzem hat der Unterschied zwischen Börsenkursen und Bankrenditen einerseits und dem Reichtum, der aus Produktion und Verkauf von nützlichen Dingen hervorgeht, andererseits, niemanden groß interessiert. Sogar dem einfachen Volk, das keine Aktien besitzt, wird in den Abendnachrichten der Stand der Börsenkurse bekanntgemacht, die unmittelbar als Auskunft darüber verstanden werden sollen, wie es um „die Wirtschaft“ steht. Wenn die Laune der Börsianer gut gewesen und die Börsenkapitalisierung der DAX-Unternehmen wieder einmal gewachsen ist, dann ist – wie auch immer – der Reichtum größer geworden, von dem „wir alle“ leben. Weil Banken nun aber krachen und die Finanzakkumulation nicht mehr funktioniert – und vermutlich so lange, wie sie nicht wieder in Gang kommt –, kennt die Fachwelt den Unterschied zwischen spekulativen Vermögenstiteln und wirklichem Reichtum, der in der „Realwirtschaft“ durch Arbeit erzeugt wird.

Gleichwohl plädiert keiner der Experten dafür, sich auf die Produktion wirklichen Reichtums zu konzentrieren und die Finanzhäuser mit ihrer spekulativen Geldvermehrung getrost vor die Hunde gehen zu lassen. Das ist in einer kapitalistischen Nation jenseits aller Vorstellung. Gerade in dem Augenblick, in dem der Finanzzauber auffliegt, machen sich die Zuständigen größte Sorgen um den Dienst, den das Kreditwesen der Realwirtschaft leisten soll. Im Namen dieses Dienstes beschuldigen sie die Akteure an den Finanzmärkten, alles verkehrt gemacht zu haben. Lächerlich, wie die Liebhaber eines potenten Finanzsektors auf einmal Gier bei den jahrelang hochgejubelten Bankern entdecken, wie sie, die sonst Risiko und Risikobereitschaft als Vorzug des kapitalistischen Wirtschaftssystems loben, nun maßlose Risiken kritisieren, die die für gigantische Renditen bewunderten Investmentbanken eingegangen seien und wohl selbst nicht mehr durchschaut hätten.

Dabei haben die Investoren und Verwalter der großen Geldvermögen überhaupt nichts falsch und auch nichts entscheidend anders gemacht als immer schon. Sie haben das Wachstum ihrer Branche und damit ihre Bereicherung mit einer Sorte Geschäft auf immer neue Höhen getrieben, das von seinem grundsoliden Ausgangspunkt an spekulativ ist.

Geschäft mit dem Geld-Verleihen

Banken machen dasselbe wie alle kapitalistischen Unternehmer: Sie machen aus Geld mehr Geld – das allerdings ohne den Umweg über Produktion und Verkauf von Gütern, den andere für dasselbe Ziel nehmen müssen. Zur Schaffung des materiellen Reichtums tragen die Geldhäuser nichts bei. Sie verleihen Geld – und vermehren es durch eine Vereinbarung mit ihrem Kreditnehmer: Der muss es ihnen nach einer vereinbarten Frist mit Zinsen zurückzahlen. Dabei ist es den Banken sogar gleichgültig, ob ihr Kunde das geliehene Geld als Kapital investiert und dadurch Überschüsse erwirtschaftet oder ob er damit ein Verlustgeschäft macht. Seine vertragliche Rückzahlungspflicht gilt unbedingt; seine tatsächliche Fähigkeit dazu hängt jedoch davon ab, ob er sich das erforderliche Geld bis zur Fälligkeit beschaffen kann. Diesen Umstand ignoriert das Kreditverhältnis: Es tut so – und wenn es klappt, ist es für die Bank ja auch so –, als ob sich das Geld im Maß der verstreichenden Zeit automatisch vermehrte: In ihrer Hand ist Geld unmittelbar Kapital – aber nur dadurch, dass sie auf eine Geldvermehrung spekuliert, die andere betreiben und die sie nicht in der Hand hat.

Das Geschäft mit Kredit beruht also durchaus darauf, dass er für kapitalistische Geldvermehrung eingesetzt wird. Im Zins eignet sich die Bank einen Teil des in Produktion und Handel erwirtschafteten Überschusses an. Ihre Macht, vom Kreditnehmer mehr Geld zurückzufordern, als sie ihm gibt, gründet darauf, dass sie ihn instand setzt, Profit mit Kapital zu machen, und zwar mit Kapital, das ihm gar nicht gehört. Er zahlt den Tribut, weil er mit geliehenem Kapital mehr Gewinn machen kann als nur mit eigenem, was auf Seiten des produktiven Kapitalisten durchaus auch eine Spekulation ist, nämlich auf künftige Erträge, die den aufgenommenen Kredit rechtfertigen und aus denen er sich bezahlen lässt.

Für die Kapitalisten in Industrie (und Handel) ist die entscheidende Bedingung des Gewinnemachens die Größe der verfügbaren Kapitalgröße. Das hat seinen Grund darin, dass sie sich um die wirkliche Quelle des materiellen Reichtums keine Sorgen machen müssen – die funktioniert nämlich zuverlässig. Es sind die Arbeiter, welche die nützlichen Dinge schaffen, die mit Gewinn zu verkaufen sind. Und deren Willen und Bereitschaft sind in einem geordneten Kapitalismus eine Selbstverständlichkeit: Arbeitskräfte gibt es in den Berufen aller Bildungsniveaus reichlich bis überreichlich und billig, und sie stehen so selbstverständlich zur Verfügung, dass sich kein Kapitalist von ihnen mehr abhängig sieht; er kalkuliert sie locker als einen Produktionsfaktor neben Rohmaterial und Betriebsstoffen.

Unter solchen Umständen hängt die Fähigkeit zur Gewinnerwirtschaftung tatsächlich nur noch ab von der Macht des Geldes. Wer sich die erforderlichen Produktionsmittel beschaffen, den nötigen Kapitalvorschuss leisten, wer Mittel auch für Phasen von Forschung und Entwicklung vorstrecken und technische Innovationen bezahlen kann, die die Anlagen der Konkurrenten übertreffen und entwerten, der macht das Geschäft. Ob und in welchem Maß eine Firma oder eine Nation auf ihrem Standort die Profitmacherei in Gang setzen, welche Waffen der Konkurrenz sie einsetzen kann, alles entscheidet sich an der Verfügung über die nötige Menge Kapital. So kommt der absurde, in sich unerklärbare Schein zustande, das Geld selbst sei die Quelle seiner Vermehrung – als sei Geld ohne weiteres und aus sich selbst heraus Kapital.

Die Vergrößerung des Kapitals, mit der ein industrieller Kapitalist die Konkurrenten übertrumpfen kann, ist beschränkt durch den in der Vergangenheit akkumulierten und erst nach dem Verkauf der Produkte investierbaren Gewinn. Über diese Schranke hilft die Bank hinweg, indem sie Kredit, also zusätzliches Kapital zur Verfügung stellt und so natürlich auch den für alle Kapitalisten gültigen Erfolgsmaßstab nach oben schraubt. Das ist ihr Dienst an der industriellen und merkantilen Profitmacherei – und darin gründet die Macht der Bank, sich an den Zuwächsen zu beteiligen, die andere aus ihren Arbeitskräften herausholen.

Akkumulation des Finanzkapitals

Freilich, der Profitmacherei mit der Lohnarbeit einen Dienst zu leisten, ist nicht der Zweck der Bank. Sie dient nicht der Realwirtschaft, sondern nutzt – wie jedes kapitalistische Unternehmen – den Bedarf anderer aus, um daraus für sich ein Plus zu machen. Die kapitalistische Realwirtschaft und das ganze Produzieren und Konsumieren der Gesellschaft, das daran hängt, ist für das Finanzkapital Mittel seiner Selbstverwertung – und das keineswegs nur in der beschränkten Perspektive der Finanzmagnaten selbst, sondern objektiv: Die Banken entscheiden darüber, welche Firma Kredit bekommt, damit also über die nötigen Waffen der Konkurrenz verfügt, und sie entscheiden, welche keinen Kredit bekommen, wessen Schulden prolongiert werden, welcher säumige Schuldner dagegen Konkurs anmelden muss. Deshalb sind sie die wirtschaftlichen Machtzentren, die den Gang des Kapitalismus bestimmen.

Ihr vom Staat verliehenes Recht, das ihnen zur Verfügung stehende Geld direkt in Kapital zu verwandeln, d. h. es allein durch Verleihen und Zurückfordern zu vermehren, nutzen Banken, so gut sie können. Dabei kämen sie nicht weit, wenn sie (nur) das Geld verliehen, das ihre Eigentümer aus Privatvermögen eingebracht haben, und dann warten müssten, bis es mit Zinsen zu ihnen zurückfließt. Wie ihre Kreditnehmer „arbeitet“ auch die Bank mit Geld, das ihr nicht gehört. Sie leiht es sich beim Publikum, indem sie Einlagen einwirbt und für Sparbücher, Festgeld, manchmal auch für Girokonten, Zinsen verspricht. Sie beschafft sich Verfügung über fremdes Geld, um ihrerseits gegen höhere Zinsen anderen Verfügung über fremdes Geld zu gewähren.

Auf diese Weise trennt die Bank das Eigentum an Geld von der Verfügung darüber und macht einen doppelten Gebrauch vom Geld. Von ihrem Gläubiger bzw. Kreditgeber, dem Inhaber eines Kontos bei ihr, nimmt sie Geld und verleiht es weiter. Das Eigentumsrecht bleibt beim Kreditgeber, das Geld selbst wandert zum Kreditnehmer, dem Schuldner der Bank, der damit wie mit eigenem Geld umgehen kann. Den Einlegern verspricht die Bank gleichwohl die jederzeitige oder an Fristen gebundene Verfügung über das eingelegte Geld, das sie gar nicht mehr hat – und das sie erst in irgendeiner Zukunft und dann abhängig von Geschäftserfolg und Solvenz ihres Schuldners wieder zurückzubekommen hofft. Das ist die zweite Stufe der Spekulation.

Gleichgültig, wie sie dieses Kunststück im einzelnen hinbekommt – sie praktiziert es nicht nur im Verhältnis zu ihren Einlegern, sondern auch zu sich selbst: Weggegebenes Geld, das sie bis zur Rückzahlung, die fraglich ist, nicht hat, betrachtet sie als Vermögenswerte, die sie hat, und führt sie als „Aktiva“ in ihren Büchern. Ihre Anspruchstitel auf Verzinsung und künftige Rückzahlung lässt sie aber keineswegs in ihren Büchern herumliegen, um untätig auf die Tilgung zu warten. Sie behandelt die Schulden ihrer Kreditnehmer als „Assets“, als zinstragendes Kapital, das sie mit Gewinn an andere Geldanleger weiterverkauft oder zur Grundlage eigener neuer Kreditaufnahme macht, um ohne neues eigenes Kapital denselben Kreisverkehr der Verdopplung des Geldvermögens immer wieder und auf immer größerer Stufenleiter zu eröffnen.

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Zwischenfazit

Der 1. Teil dieser Analyse hat die Grundlage des Bankgeschäfts erläutert. Die Bank stellt Kapitalisten Geld zur Verfügung, mit dem diese mehr Geschäft machen können, als es ihnen möglich wäre, wenn sie nur über ihr eigenes Kapital verfügen könnten. Die Bank bereichert sich über die Angewiesenheit aller Unternehmen auf fremdes Geld zur Ausweitung ihres Geschäfts und zur Beschleunigung des Umschlags ihres Kapitals, indem sie ihren Schuldnern Zinsen abverlangt. Darüber hinaus behandelt sie die Forderungen, die sie ihren Schuldnern gegenüber hat, gleich wieder als Geschäftsmittel: Sie werden ihrerseits wieder verkauft, beliehen und zur Grundlage weiterer Finanz-„Produkte“, mit denen sich die Bank immer neue Geschäftsfelder und Bereicherungsquellen erschließt.

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Die Zahlungsfähigkeit, die Banken und Finanzhäuser durch die Verwendung fremder Schulden als verkäufliche oder beleihbare Vermögenswerte erschaffen, verwenden sie selbstverständlich nicht nur und auch nicht überwiegend zur Kreditierung der Wachstums- und Konkurrenzbedürfnisse ihrer Kunden aus der „Realwirtschaft“, sondern legen sie in allem an, was ihnen Zuwachs verspricht: in Aktien, Rohstoffe, edle Metalle und auch in zinstragende Wertpapiere, die andere Banken auf den Markt bringen. Damit befreit das Finanzkapital sein Wachstum und seine Rendite von den beschränkten Wachstumsbedürfnissen und Wachstumsgelegenheiten, die Industrie und Handel ihm bieten. Von einem Dienst des Finanzsektors an der Realwirtschaft ist da nichts mehr zu sehen: Diese Abteilung Kapital, auf die es für den Rest der kapitalistischen Wirtschaft so entscheidend ankommt, nutzt schlicht ihre Sonderstellung und akkumuliert aus sich selbst heraus. Sie radikalisiert ihre Fähigkeit, Geld ohne Umweg als Kapital zu nutzen, noch einmal. Dabei nutzt sie gar nicht wirkliches, vorhandenes Geld, sondern versprochenes, erwartetes Geld – Kredit eben –, also Geld, das sie nicht hat, als sich verwertendes Kapital. Die eine Bank beschafft sich Zahlungsfähigkeit, indem sie Kredit bei anderen Banken nimmt, und zwar derart, dass sie ihnen Wertpapiere, verzinste Rückzahlungsversprechen, verkauft, die sie auf die Erwartung herausgibt, dass sich der bisherige Erfolg ihres Geschäfts in alle Zukunft fortsetzt. Und sie gibt anderen Banken Kredit, indem sie von ihnen emittierte Wertpapiere kauft. In diesem

Kreditzirkel

kreieren die Finanzhäuser immer neue Investitionsgelegenheiten und zugleich die Investitionsmittel, die es braucht, um die Gelegenheiten wahrzunehmen. Sie geben einander und nehmen voneinander Kredit, schreiben sich dadurch immer größere Vermögen gut und zahlen und kassieren darauf immer mehr Zinsen und ähnliche Erträge. Würde das zwischen zwei Abteilungen einer Bank veranstaltet und sich die Bank damit reich rechnen, wäre es Schwindel. Sind die wechselseitigen Wertpapierkäufer und -emittenten mehrere Geschäftsbanken, handelt es sich bei dem Kreditgebirge, das der Bankensektor errichtet, um ein ehrenwertes Geschäft: Das Kreditsystem kreditiert sich selbst.

Das geht – so lange nämlich, wie die Anleger, also im Wesentlichen die Banken selbst, mitsamt ihren Investment- und Hedgefonds, mit den Geldvermögen, die sie sich gutschreiben und auf den Finanzmärkten immerzu umschlagen, nichts anderes anstellen wollen, als sie schleunigst wieder in profitable Anlagen zu investieren. Sobald aber, angestoßen wodurch auch immer, Zweifel an der endlosen Fortsetzbarkeit dieser Spirale aufkommen; wenn nicht nur einzelne, sondern viele Anleger nicht mehr immer neue Wertpapiere, sondern das Geld sehen wollen, das die Papiere immerzu bloß versprechen, dann wird schnell deutlich, dass keine Bank das Geld hat und zurückzahlen kann, das sie ihren Gläubigern schuldet und verspricht. Das heißt dann „mangelnde Liquidität“: Die Banken glauben einander nicht mehr, dass ihre auf vielen Zetteln aufgedruckten verzinsten Rückzahlungsversprechen solide sind und verweigern einander den für die Fortsetzung der Kreditspirale notwendigen Kredit.

Die Kettenreaktion, die droht, wenn eine Großbank zusammenkracht, ist eine schöne Probe aufs Exempel: Warum kann die Pleite der deutschen Hypo-Real-Estate-Bank den ganzen nationalen Finanzplatz mitreißen? Warum hat der Zusammenbruch eines Wallstreet-Hauses wie Lehman Brothers die Potenz, das Weltfinanzsystem zu zerstören? Eben weil die Vermögen der Banken ganz überwiegend aus Schulden anderer Banken bestehen. Wenn eine ihre Schulden nicht mehr bedienen kann, dann geraten alle andern Banken in den Verdacht, dass sie in ihren Bilanzen ebenfalls diese wertlos gewordenen Titel stehen haben. Ihre Kreditwürdigkeit schwindet dahin, weil sie ihre Grundlage ja in Vermögen hat, das aus möglicherweise haltlos gewordenen Zahlungsversprechen von Konkurrenten besteht. Das beweist immerhin eines: In einem entwickelten Finanzsystem machen Banken ihr Geschäft nicht mit Geld, das sie haben oder sich leihen, sondern mit dem Kredit, den sie als die großen Zentren der Geldmacht genießen. Ihr Geschäftsmittel ist das Vertrauen ihrer Konkurrenten und darüber des breiten Publikums darauf, dass sie immer zahlen können, wenn sie müssen. Sie genießen nicht das Vertrauen, weil sie zahlen können, sondern sie können zahlen, weil und solange sie dieses Vertrauen besitzen.

Dass sich da periodisch Misstrauen einstellt, ist nur zu berechtigt. Schließlich bestehen die Vermögenswerte, die in gigantischem Ausmaß geschaffen und akkumuliert werden, nicht in wirklichem Geld, dem allgemeinen Zugriffsmittel auf den produzierten Reichtum, sondern in Versprechen auf zukünftige Zahlung von Geld. Solange das Vertrauen in die spätere Zahlung intakt ist, sind die Schuldtitel bei Bedarf zu Geld zu machen – so lange sind sie also geldgleiche Wertpapiere. Ist dieses Vertrauen in die künftige Zahlungsfähigkeit des Emittenten dahin, sinkt der Wert der von ihm herausgegebenen Papiere gegen Null. Da das eigene Vertrauen der Anleger aber der einzige Grund dafür ist, dass sie Vertrauen haben können, kippt dieser Zirkel immer wieder einmal in sein Gegenteil. Anlässe dafür gibt es genug. Das müssen nicht, können aber auch misslungene Geschäfte in der Realwirtschaft sein. Im Umkippen des Vertrauens und im verzweifelten Versuch, Schuldpapiere – auch unter Verlust – noch zu Geld zu machen, wird offenbar: Die Finanzvermögen sind nicht der wirkliche kapitalistische Geldreichtum, der sie sein wollen und als der sie an den Börsen gehandelt und bezahlt werden, sondern nichts als spekulative Vorwegnahmen, Anspruchstitel auf künftigen Reichtum, den es – wie man dann bemerkt – nicht gibt. Sobald überhaupt die Frage aufkommt, ob Geld, das die Wertpapiere versprechen, wirklich vorhanden ist, erweist sich das durch Arbeit und Ausbeutung geschaffene und vermehrte Geld immer als viel zu wenig. Solche Zusammenbrüche der spekulativ geschaffenen Reichtümer sind nicht neu. Wenn sie gegenwärtig heftiger ausfallen als meistens, wenn nicht nur dieser oder jener Sektor des Finanzmarkts kracht und nicht nur das eine oder andere Land vor dem Bankrott steht, sondern das ganze Weltfinanzsystem zusammenzubrechen droht, dann nur, weil die finanzkapitalistische Akkumulation, die diesem Ende vorherging, besonders groß, weil global, war.

Die Staaten retten ihr Finanzsystem

Jetzt springen Regierungen ein und hauen die bankrotten Banken heraus: Die Regierungen aller wichtigen Industrienationen stecken Milliardensummen in die insolvente Bankenwelt; die US-Regierung wendet die unvorstellbare Summe von zusammengerechnet einer Billion Dollar auf, um den laufenden Zusammenbruch ihres nationalen Kreditsystems zu stoppen – inzwischen sind diese Summen weltweit längst um vieles größer und immer noch unzureichend. Die Pleiten der großen Spekulanten sind offenbar keine Privatsache. Mit ihrem gewaltigen Einsatz bekennen die Staaten, dass eine funktionierende Spekulationsbranche das Lebenselixier ihrer Wirtschaft und ihrer eigenen Finanzen ist. Zahlungsfähigkeit – sowohl für die nötigen Investitionen der nationalen Wirtschaft wie für den Bedarf des Staatshaushalts – im Prinzip unbegrenzt, allein durch die Benutzung des Vertrauens in die Kreditmacht der Geldhäuser mobilisieren zu können, das ist die entscheidende ökonomische Potenz einer Nation in der kapitalistischen Welt. Am Grad, in dem sie über diese Potenz verfügen, unterscheiden sich die Staaten; solche, die diese Kreditmacht nicht bei sich versammeln können, bleiben auf ewig arm und ohnmächtig – solche, die sie verlieren, werden es schnell.

Ihren überragend wichtigen Dienst leisten die Finanzkapitalisten ihrem Vaterland um so besser, zu je mehr Freiheiten es sie in ihrer spekulativen und an gar keinem Dienst orientierten Vermehrung ihrer Bankprofite, ihrer Schuld- und Vermögenstitel ermächtigt hat. Deshalb sind die Vorwürfe der Politiker an die „Zocker und Spekulanten“ in den Finanzagenturen so unehrlich: Die jeweiligen Regierungen selbst haben ihnen jahrzehntelang immer größere Freiheiten eingeräumt, um Wachstum und Ertrag des Finanzsektors zu steigern. Wenn die Spekulation der großen Geldhäuser platzt, dann ist für deren Rettung kein Opfer an staatlichen Geldmitteln zu schade: Der Staat „versichert“ alles, wirft seine eigene Kreditwürdigkeit ins Feuer, belastet den zukünftigen Staatshaushalt und gefährdet die Währung. Darüber wird das ganze Volk in Haftung genommen: Der Dienst der Geldkapitalisten am Gemeinwesen besteht in ihrer Bereicherung. Damit die klappt, muss das Arbeitsvolk nicht nur in der Realwirtschaft seinen Dienst tun und billig Leistung abliefern. Führt das Auffliegen der Finanzspekulation zum Kollaps, bekommt das Volk darüber hinaus die inflationären Wirkungen der Milliardensummen zu spüren, die der Staat für die Rettung des Kreditsystems in Umlauf bringt.

Das ist für den Reichtum kapitalistischer Nationen unerlässlich: Das Geldkapital verkörpert gegenüber den vielen Kapitalen in Handel und Industrie das Kapital als solches. Sein Geschäft, Geldeigentum ohne jeden Zwischenschritt zur Quelle von mehr Eigentum zu machen, muss gelingen, damit alle anderen Geschäfte gelingen können. Von der spekulativen Bereicherung der Finanzmagnaten ist das gesamte Wirtschaftsleben des Landes abhängig gemacht, auch Arbeit und Lohn der eigentumslosen Masse.

Wer diesen Wahnsinn nicht angreifen will, sollte auch nicht darüber schimpfen, dass der Staat bei der Not der Armen jeden Euro spart, für Banken in Not aber die für die Rettung des Finanzsystems nötigen drei- bis vierstelligen Milliardenbeträge springen lässt.

Lesetipp:Mehr über das Thema „Finanzkapital“ (Teil I: Die Basis des Kreditsystems: Von der Kunst des Geldverleihens) steht im soeben erschienenen GegenStandpunkt 3-08. Dort ist im Artikel „Anmerkungen zur Krise ’08“ auch das Wichtigste über die aktuelle Finanzkrise nachzulesen.

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