VWL leicht gemacht (II):

„Erklär mir die Welt“

FAZ_erklaer
Artikelserie der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (Fortsetzung)

„Warum gibt es Gewinne?“

(Frage 14; 22.10.2006)

Nachdem in einem der letzten Serienartikel („Warum brauchen wir Unternehmer?“, siehe VERSUS 15) der Gewinn als einer von vielen anderen Beweggründen des Unternehmers gekennzeichnet wurde, sieht sich die F.A.Z. offenbar zu einer Klarstellung genötigt, die wir einfach nicht unkommentiert lassen können.

Schon der Ausgangspunkt ist interessant: Bei den bisherigen Fragen kam es der F.A.Z. darauf an, einen Nutzen zu verkünden, den das jeweilige Thema für uns Leser haben soll. Würde die Frage aber lauten, „Warum brauchen wir Gewinne?“, dürfte den meisten Lesern spontan einfallen, dass sie gar keine kriegen. Gewinne kommen also gleich als eine Art Naturkonstante daher – es gibt sie halt. Wer sich wie die F.A.Z. auf der Welt umschaut, der weiß einfach, dass es überall auf Gewinne ankommt.

So steigt die F.A.Z. in die Beantwortung der Frage wie folgt ein:
„Unternehmer wollen gute Produkte herstellen und Arbeitsplätze schaffen. Das machen sie nur, wenn sich das für sie ordentlich auszahlt.“

Ja was denn nun: Entweder man will gute Produkte herstellen & Arbeitsplätze schaffen. Dann tut man das. Oder man tut das nur, wenn man damit Gewinn macht. Dann sind Produktion und die in ihr Beschäftigten eben nur Mittel für den Gewinn. Verstehen wir‘s also recht: Nur wenn Unternehmer Gewinn machen, gibt’s für uns Arbeit & was zu futtern? Nein, so die F.A.Z., noch nicht mal das reicht: „Ordentlich“ muss er schon auch noch sein, der Gewinn – nach Auffassung wessen? Na klar: der Gewinnemacher. Wir merken uns: Ob und wie viel das normale Volk arbeitet, und ob und was es dafür kriegt, hängt nicht von dessen Bedarf an „guten Produkten“ und „Arbeitsplätzen“ ab, sondern vom Gewinnemachen der Unternehmer. Und das soll jetzt für Gewinn sprechen?

Tut es, so die F.A.Z., man muss es nur richtig sehen. Denn Gewinnemachen ist auch Arbeit: „Im Durchschnitt arbeiten sie (= Unternehmer und Selbständige) sogar viel mehr als ihre Angestellten, zum Beispiel auch am Wochenende und meist noch lange nach Feierabend.“

Deswegen haben die Unternehmer wohl Überstunden, Wochenendarbeit, 3-Schicht-Produktion usw. eingeführt, damit sie sich in ihren Betrieben nicht so einsam fühlen??

Sei’s drum, das mit dem „ordentlich auszahlen“ klappt jedenfalls bestens, denn: 2005 betrug die „Summe der jährlichen Gewinn- und Vermögenseinkommen (…) rund 546 Milliarden Euro in Deutschland“. Damit aber im Gedächtnis der F.A.Z.-Leser nicht womöglich der Gedanke ‚Mein Gott, was für ein Haufen Geld, haben die das auch verdient?‘ haften bleibt, muss klargestellt werden:
„Das wird den Empfängern natürlich nicht einfach geschenkt. Wer zum Beispiel Zinsen erhält, muß vorher erst einmal Vermögen gebildet haben. Meistens steht hinter diesem Vermögen wiederum eine Menge harter Arbeit, gepaart mit Sparsamkeit, Geschick und Glück.“

Man denke nur: So einfach kriegt man Zinsen nicht geschenkt, man muss vorher schon etwas zu Verzinsendes aufgehäuft haben! Wenn man aber erst mal Kohle hat, dann kriegt man einfach dafür, dass man sie investiert, immer mehr Kohle. Geschenkt! Der Teufel – das hat er mit dem Gewinn gemeinsam – scheißt bekanntermaßen nur auf einen großen Haufen, und beiden ist es dabei völlig egal, wie der erworben wurde: gewonnen, geerbt, erschwindelt, vom eigenen oder von fremdem Munde abgespart, Hauptsache richtig angelegt. Für die F.A.Z. ist der Gewinn absolut in Ordnung und gerechtfertigt, weil sie den Ursprung dieses Haufens für erheblich erklärt: Es ist der tüchtige und durch und durch tugendhafte Unternehmer, dem deshalb das ‚Glück‘ gerechterweise zu Hilfe eilt. Allerdings – diese Korrektur sei uns gestattet – bringt man es so heutzutage eher zum Bambi-Preisträger (Heike Makatsch für ihre Rolle in der Verfilmung der Steiff-Firmengeschichte) als zu sattem Gewinn. Unermüdlich, Tag und Nacht arbeiten, geile Ideen mit den eigenen geschickten Händen umsetzen, sich dabei nur Margarine statt Butter aufs Brot gönnen und auf das Glück hoffen, dass sich einer findet, der einem das Zeug auch noch abnimmt – das ist nicht gerade das, was erfolgreiche Unternehmensführung auszeichnet. Das tatsächliche „Geschick“ der Unternehmer – das steht aber nicht in der Sonntagsausgabe, sondern unter der Woche im Wirtschaftsteil derselben Zeitung – besteht darin: Sie lassen arbeiten, lassen Geschäftsideen und produktivere Herstellungsverfahren von Ingenieuren entwickeln (und erklären dann, deren Ideen gehörten wg. ‚Patent‘ ihnen), sie sparen möglichst viel vom (Gewinn schmälernden) Lohn der Angestellten ein, indem sie nach Produktivitätssteigerungen einen Teil von ihnen „freisetzen“ usw. usf. Und dabei machen sie ein umso lohnenderes Geschäft, je mehr es ihnen mit all dieser „harten Arbeit“ anderer gelingt, ihre Konkurrenten niederzumachen. Aber was kümmert sonntags das eigene Geschwätz vom Werktag…

Egal, Gewinne gibt’s und sie sind gut:
„Im übrigen aber gilt: Hohe Gewinneinkommen sind ein gutes Zeichen für eine Volkswirtschaft. In aller Regel profitieren davon auch die Arbeitnehmer, denn nur rentable Unternehmen stellen Leute ein und sind in der Lage, ihnen gute Löhne zu bezahlen.“

Wann ist ein Unternehmen rentabel? Wenn die Einnahmen die Ausgaben dauerhaft übersteigen. Zu diesem Zweck werden die Kosten gesenkt, zu denen insbesondere die Löhne zählen, und die zu erbringende Leistung erhöht. Also werden mit und wegen Gewinn Arbeitsplätze abgebaut, absolut und relativ im Verhältnis zum Geschäftsvolumen. Wenn dann die Unternehmer gute Gewinne machen, dann steht die Volkswirtschaft gut da. Und dann bleibt den Arbeitnehmern nur zu hoffen, dass sie weiter eingestellt bleiben oder dass sie, falls sie schon rausrationalisiert wurden, zu denen gehören, die wieder eingestellt werden (für welchen Lohn auch immer; von wegen „gute“ Löhne!). Denn wegen der Steigerung des Gewinns werden weiterhin Kosten gesenkt und Rationalisierungsmaßnahmen durchgeführt (s.o.), den Arbeitnehmern also für dasselbe oder weniger Geld mehr Leistung abverlangt oder gleich gekündigt. So viel zu „in der Regel“…

*

Alternativen dazu wie der ehemalige Ostblock – auf diesen Seitenhieb will die F.A.Z. auch mehr als 15 Jahre nach seinem Ableben nicht verzichten – waren nach Auffassung unserer Sonntags-Welterklärer hingegen nicht einfach nur falsch: Sie konnten nicht funktionieren – warum? Ganz einfach, sie hielten es mit der Versorgung der Menschen mit Gütern nicht so, wie es die F.A.Z. von der Marktwirtschaft kennt, machten sie also nicht davon abhängig, dass deren Produktion Gewinn abwarf. Das drücken die F.A.Z.-Populärwissenschaftler so aus:

„… Mißwirtschaft der früheren Ostblockländer. Deren Untergang war kein Betriebsunfall und auch nicht auf das Versagen einzelner zurückzuführen, sondern zwangsläufige Folge des Fehlens der Knappheitssignale von Gewinn und Verlust.“

Was soll gefehlt haben? „Knappheitssignale“, also Anzeichen dafür, dass Mangel an benötigten und nachgefragten Gütern bestand? Kann nicht sein; denn dass oftmals Ladentheken leer und vor vollen Ladentheken lange Schlangen anstanden, fiel noch jedem, vom antikommunistischen Westbesucher bis zu den Mitgliedern der staatlichen Planungskomitees, auf. Warum Letztere diese Knappheitssignale nicht zum Anlass nahmen, ihre Produktionspläne zu ändern, um die Mängel an Bedarfsgegenständen zu beseitigen, das interessiert die „Erklär mir die Welt“-Erklärer von der F.A.Z. nicht.(*) Sie kennen nämlich ein Knappheitssignal, das Käuferschlangen gar nicht erst ins Unermessliche anwachsen lässt: Gewinn und Verlust. Wenn die Hersteller im Kapitalismus bei einem bestimmten Preis Verluste einfahren (würden), dann erhöhen sie in aller Freiheit einfach die Preise, was Folgendes bewirkt: 1. enthält der erhöhte Preis dann einen Gewinn; 2. ist die Ware dann für viele, die sie eigentlich benötigen, mangels Zahlungsfähigkeit nicht mehr erschwinglich und sie stellen sich gleich gar nicht an, weshalb 3. in der freien Gewinnwirtschaft Käuferschlangen selten sind, umso häufiger aber jede Menge Knappheit an benötigten Gebrauchsgütern in der Klasse von Leuten, bei denen Knappheit an Geld herrscht. Da in der Marktwirtschaft aber nicht die Versorgung aller mit dem, was sie brauchen, das Kriterium für erfolgreiches Wirtschaften ist, sondern der Gewinn, gilt nicht der Ausschluss der Armen von der Warenwelt als Misswirtschaft, sondern die Herstellung von (durchaus brauchbaren und benötigten) Waren, wenn deren Verkauf keinen Gewinn einspielt. Woraus umgekehrt tautologisch folgt: Der Sozialismus des Ostblocks war eine Misswirtschaft, weil er den Gewinn als Voraussetzung für die Produktion abgeschafft hat, so dass die Herstellung vieler Gebrauchsgegenstände, die er für das Leben seiner Bürger für notwendig befand, nach kapitalistischer Rechnungsweise verlustträchtig war. Die Abschaffung dieses misswirtschaftlichen Zustandes durch die Einführung der kapitalistischen „Knappheitssignale von Gewinn und Verlust“ hat bekanntlich selbst nach Auskunft westlicher Beobachter zu einer vor 1989/91 unbekannten Massenarmut im ehemaligen Ostblock geführt, was aber – wie uns die F.A.Z. erklärt – kein Zeichen für den Import von Misswirtschaft ist, sondern die wirtschaftlich gesunde, weil „zwangsläufige Folge“ der Existenz „der Knappheitssignale von Gewinn und Verlust“.

*

Zum Abschluss noch eine kleine Anbiederung an den Teil der Menschheit, der nicht mit dem Gewinnemachen beschäftigt ist. Es sollten laut F.A.Z. zumindest nicht „immer nur die Gewinninteressen der Kapitaleigner den Ausschlag bei Unternehmensentscheiden geben (…), also der ‚shareholder value‘“:
„Man kann vielmehr mit guten Gründen der Meinung sein, daß auch die Arbeitnehmerinteressen im Sinne des ‚stakeholder value‘ etwas zählen sollten.“

Die F.A.Z. ist sich ihrer Leserschaft offenbar sehr sicher. Die sollen nämlich aus den versammelten Konjunktiven in diesem Satz nur eines heraus lesen: Was „zählt“, sind die Gewinninteressen der Gewinnemacher. Und für die, die ihn erarbeitet haben, bleibt ein Gnadenbrot. Das man gewähren kann, wenn den Kapitaleignern „gute Gründe“ – für die Mehrung ihres ‚shareholder value‘ natürlich, andere gute Gründe kennen sie nicht – einfallen, oder auch nicht. So viel Freiheit muss sein!

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„Warum brauchenwir Geld?“(Frage 21; 5.11.2006)

Die Binsenweisheit im Kapitalismus: An jeder Ware hängt ein Preisschild; man muss über Geld verfügen, um den Preis bezahlen und so, aber auch nur so, seine Bedürfnisse befriedigen zu können, ist der F.A.Z. einen Extra-Artikel wert. Und der beginnt mit:
„Ohne Geld wäre die Welt entsetzlich kompliziert. Und die Menschen ziemlich arm. Mit Geld kommt die Wirtschaft erst in Schwung.“

Wer hätte das gedacht: Wenn man sich das Geld wegdenkt, gibt es im Kapitalismus nichts mehr, mit dem man bezahlen kann! Andererseits, werte F.A.Z.: Wenn es das Geld nicht nur gibt, sondern es bei jeglicher Produktion auf die Vermehrung von Geld ankommt, dann ist arm, wer nicht genug davon hat, und wäre es nicht bloß! Es soll Gerüchten zufolge ja immer mehr Menschen in dieser herrlichen Wirtschaftsweise geben, denen das Lebensnotwendige fehlt, weil alles Geld kostet und sie keines haben.

Und warum wäre die Welt „entsetzlich kompliziert“ ohne Geld? Weil man dann ja tauschen müsste. Tauschwirtschaft wäre insofern eine Idee,
„… aber das ist alles sehr kompliziert und unsicher. Mit einer Ware, die von allen Beteiligten akzeptiert wird, kommen die Geschäfte dagegen ganz leicht zustande. Geld vereinfacht den Tausch von Gütern (und Dienstleistungen) ganz erheblich. Erst Geld läßt einen Markt (und damit auch eine ganze Marktwirtschaft) effizient funktionieren.“

Merkwürdig: Uns hat noch nie irgendwer gefragt, ob wir Geld als allgemeine Ware akzeptieren. Oder nicht vielleicht doch eine bessere Idee hätten. Und was mit Geld „einfach“ sein soll, können wir auch nicht recht nachvollziehen: Ein Blick in unseren Geldbeutel zeigt, dass wir uns unsere diversen Wünsche eher verkneifen müssen, als dass sie zustande kommen. Soll heißen: Geld ist eben nicht eine Art Transmissionsriemen zwischen einem Bedürfnis nach irgendwas und seiner Befriedigung, sondern die Trennung zwischen beiden. Ohne Moos nix los! Andererseits: Vom Standpunkt einer Wirtschaftsweise, in der es auf Gewinn und sonst nichts ankommt, ist Geld tatsächlich das „Funktionsmittel“. Ein „effizientes“? Nein, viel mehr als das, nämlich das unabdingbar notwendige, also das einzige Mittel für die Abwicklung von Geschäften aller Art. Nur in einer Gesellschaft von Privateigentümern, die ihr Eigentum durch Produktion und Verkauf vermehren müssen, ist eine allgemeine Ware – Geld – notwendig, mit der man bei jeder Weggabe von Ware(n) deren Wert entgolten bekommt, so dass Produzenten und Händler am Ende durch den Vergleich der vorgeschossenen mit der erlösten Geldsumme den Gewinn und damit das Anwachsen ihres Privatreichtums messen können. Kommt es jedoch darauf an, Bedürfnisse zu befriedigen, ist Geld überhaupt nicht „effizient“. Denn erstens erlaubt es die Befriedigung von Bedürfnissen nur in dem Maß, in dem man über diese allgemeine Ware verfügt, verhindert also – und das sehr effizient –, dass man an Bedarfsgegenstände herankommt, die man zwar braucht und die es sogar gibt, die man sich aber mangels Geld nicht leisten kann. Dies lässt sich sogar in einer so „effizienten“ Marktwirtschaft wie Hartz-IV-Deutschland studieren. Und es wird so richtig handgreiflich in der 3. und 4. Welt: Das Wirken des weltweiten Kapitalismus ruinierte dort erst die Wirtschaftsweisen ganzer Kontinente, entzog der Bevölkerung auch noch die Grundlagen für die armseligste Selbstversorgung und hat sie so flächendekkend auf den Gelderwerb verpflichtet, den es dort nur für eine kleine Minderheit gibt. Dann wurde der (ver)hungernden Bevölkerung erklärt, dass eine Marktwirtschaft das einzige ist, was wirklich „effizient funktioniert“. Aber schließlich kommt es der F.A.Z. ja auch erklärtermaßen nicht darauf an, eine Wirtschaftsweise einzurichten, die ihren Maßstab darin hat, dass alle Menschen in den Genuss von Produkten kommen, sondern dass mit ihnen „Geschäfte … leicht zustande“ kommen, damit ein Markt mitsamt der zugehörigen wirtschaft klappt. Dafür ist dann wirklich der moderne Zahlungsverkehr deutlich praktischer als (historische Geld-Bei-spiele des F.A.Z.-Artikels:) „Vogelfedern“ oder gar „Rinder“. Die kriegt man ja noch nicht mal ins Portemonnaie!

(*) Der Grund dafür steht in „Zur politischen Ökonomie des realen Sozialismus – Mit Hebeln geplant.“ (MSZ 7/1985 & 10/1987 – http://www.gegenstandpunkt.com/msz/html/87/87_10/hebel.htm).
Warum die kommunistischen Parteien des Ostblocks ihren „realen Sozialismus“ zu Gunsten des Kapitalismus aufgaben, ist nachzulesen in Karl Held: „Das Le-benswerk des M. Gorbatschow: Von der Reform des ‚realen Sozialismus‘ zur Zerstörung der Sowjetunion“, GegenStandpunkt Verlag 1992 und in Peter Decker / Karl Held: „DDR kaputt – Deutschland ganz“, München 1989.

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