Unruhen in Tibet – Peking am Pranger

Aber natürlich: Das alles gilt ja dieser Religion! Dem Islam! Klar doch, der ist eine ganz gefährliche Geschichte. Wenn da die Gläubigen mitten in der „modernen Welt“ mit Kopftüchern herumlaufen, ständig beten wollen und komischen Geboten folgen, zeigt das Verbohrtheit und Rückwärtsgewandtheit, kurz: die ganze Unaufgeklärtheit dieser Religion. Vor allem gegen den möglichen und ständig in der Luft liegenden Übergang zum religiösen Fanatismus ist deshalb Wachsamkeit geboten und für die staatliche Aufsicht so gut wie jedes Mittel recht.

Dagegen Tibet. Ganz was anderes natürlich. Unschuldige und einfach super-fromme Menschen, die sich bloß dafür einsetzen, ihre Religion frei ausüben zu können. Toll, wie diese Leute seit Jahrhunderten an ihrem Glauben festhalten und ihm ihr ganzes Leben unterordnen. Beeindruckend, wie viele von ihnen schon im Kindesalter zu Mönchen und Nonnen werden, die ihre Tage damit verbringen, „om mani padme hum“ zu murmeln. Wie sie von den Opfern einer bettelarmen Bevölkerung leben, ihr Land voll Kirchen und Klöster stellen und unbeirrt die Rückkehr ihres reinkarnierten Buddha verlangen.

Und das alles gegen eine brutale chinesische Regierung. Die duldet das religiöse Opium des tibetischen Volkes zwar als „kulturelle Autonomie“. Aber wir wissen, dass das nur Schein ist. In Wahrheit will sie ihr ekelhaftes kapitalistisches Leben auch dieser Provinz aufnötigen. Sie baut eine supermoderne Eisenbahn nach Lhasa, ermuntert ihr riesiges chinesisches Volk, in der menschenleeren Westprovinz Geschäfte zu machen und lässt massenhaft Touristen ins Land, die sich die buddhistischen Klöster anschauen sollen. So will das Regime in Peking dem religiösen Fanatismus seiner tibetischen Buddhisten das Wasser abgraben. Schlimm! „Kultureller Völkermord“! – das sagen Leute, die es nicht aushalten, wenn irgendwo in dieser Welt kein McDonald’s steht.

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Andererseits: Dass andere Staaten, etwa das alte Jugoslawien und das neue Russland ähnlich über ihre Staatskonstrukte denken und sich glatt Hoheit über ihre Völker und Stämme anmaßen, geht natürlich nicht. Im Kosovo beispielsweise lebt unzweifelhaft ein Volk, dem wir dabei helfen müssen, sich selbst zu bestimmen. Auch Tibet scheint so ein Fall zu sein …

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Ach ja, natürlich – das waren unsere Staatenlenker und ihr Gewaltmonopol, das sie gegen jeden kleinsten Kratzer und Ausraster von unten mit aller Erbitterung und allem Recht dieser Welt verteidigen.

Ganz anders natürlich in Tibet. Brennende Geschäfte und Banken (so etwas gibt es bei uns schon lange nicht mehr!) setzen dort nicht die religiösen Fanatiker ins Unrecht. In Lhasa beweisen uns die Ausschreitungen der Tibeter eindeutig, wie sehr sie von China unterdrückt werden, weshalb sie „ohnmächtig“ zu solchen Mitteln greifen ,müssen‘. Tote werden von vornherein und reflexartig der Blutbilanz der chinesischen Staatsmacht zugezählt und bleiben dort auch als moralische Schuld stehen, wenn Tage später zugegeben wird, dass es sich bei den ersten Opfern um Han-Chinesen handelt, die durch rassistische Gewalttaten der ,eigentlich‘ friedlichen Tibeter umgekommen sind.

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So fortgeschritten ist man in China, dem die Pressefreiheit ja ,noch‘ fehlt, in der Tat nicht. Hier muss die Regierung, um die chinesischen Menschen auf ihre Sicht des Tibetproblems einzuschwören, zu völlig hinterwäldlerischen Methoden greifen; sie zensiert, sperrt Internetseiten und lässt ihre staatlichen Medien „einseitig“ Bericht erstatten. Was sie nicht zensiert, sondern offen ins Netz stellt (Videoaufnahmen der „Unruhen“ in Lhasa und anderswo, Beweise für die frechen Fälschungen westlicher Blätter und Nachrichtendienste), brauchen wir uns allerdings gar nicht erst anzuschauen – die Absicht ist klar, weshalb die schönste Medienkritik uns überhaupt nicht beeindrucken kann.

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So wenig wie in diesen Fällen mit umgekehrter Stoßrichtung liegt das an Religion oder Ethnie selbst. Dass hier weltweit „Sympathie“ mit einem Völkchen und seinen rot gekleideten Mönchen laut wird, liegt an seinem Gegner, der chinesischen Staatsmacht. Mit der will man einerseits Geschäfte machen, andererseits stört man sich schon sehr und zunehmend daran, dass sie selbst ein ziemlich potenter kapitalistischer Staat und eine kommende Weltmacht ist.[ ] Da passt ein kleiner ethnisch-religiöser Unruheherd in diesem Land einfach wunderbar.

Der chinesische Staat hat für den Sommer nämlich „die Jugend der Welt“ zu seinen ersten olympischen Spielen eingeladen, um sich damit samt seinen in jeder Hinsicht gewachsenen Kräften zu feiern und weltöffentlich Anerkennung einzuheimsen: Neben allen ökonomischen und politischen Erfolgen will sich die Volksrepublik mit Olympia als von allen anerkannte und „sympathische“ Nation präsentieren. Die Vergabe der Spiele nach Peking gesteht China eben das auch ein Stück weit zu; allerdings haben die westlichen Staaten diese Konzession von vornherein mit der offen ausgesprochenen Absicht verknüpft, der Kommunistischen Partei in Sachen Pressefreiheit und Menschenrechte gehörig in die Suppe zu spucken. Nun steht der olympische Sommer vor der Tür und angesichts des absehbaren Erfolgs Chinas hält man ihn im Westen kaum aus. Schon seit Monaten wird immer wieder die Frage eines möglichen Boykotts ausgestreut – mal wegen der „Menschenrechte“, mal wegen „Darfur“. Da kommen die „Tibet-Unruhen“ schon sehr passend. Die Mönche hinter ihren Klostermauern haben eins und eins zusammengezählt: die diplomatischen Signale der Dalai-Empfänge bei Merkel und Bush[ ] und die weltöffentliche Aufmerksamkeit wegen Olympia – und nutzen ihre „Chance“. Sie wittern die einmalige Chance für ihr nicht ganz unbescheidenes Anliegen – immerhin verlangt der Dalai Lama „echte Autonomie“ für ein Gebiet, das etwa drei Mal so groß ist wie die heutige „Autonome Region Tibet“.

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Also ist unsere schöne Welt um einen ,Konflikt‘ reicher – und die westliche ,Aufmerksamkeit‘, die von China eine Zügelung seines „brutalen Vorgehens“ verlangt, sorgt dafür, dass er vorläufig am Köcheln bleibt. Tag für Tag wird aufgeregt berichtet – und wenn es nichts zu berichten gibt, fallen wir darauf natürlich nicht herein. Von angeblich befriedeten Zuständen lassen wir uns nicht täuschen: Hier herrscht „Friedhofsruhe“ und wer die chinesische Regierung nicht anklagen will, „hat Angst“. Dass China inzwischen wieder Journalisten nach Tibet lässt, ändert auch nichts, denn „das Regime“ hat viel zu verbergen und bleibt uns jede Menge „Aufklärung schuldig“. Schön auch, dass wir Peking in den nächsten Monaten immer mal wieder mit ausführlichen Berichten von einer 80-Mann-Demonstration in Bonn-Bad Godesberg oder einer Lichterkette in Radebeul ärgern können.

Eins ist damit auf alle Fälle gelungen: Das schöne Image, das sich China mit „den Spielen“ weltöffentlich verschaffen will, ist erfolgreich angekratzt. Die weiteren Aussichten sind glänzend: Kein Fernsehkommentar zu Olympia mehr, der nicht ein paar Tränen fürs „freie Tibet“ weint; vermutlich kein Athlet, der um eine ausgewogene moralische Stellung zu dieser Frage herumkommt, wenn er sich seine Medaillen abholen will; am Ende wahrscheinlich auch noch ein paar „Freiheit-für-Tibet“-Fans, die die Gunst der Stunde wahrnehmen und sich auf dem olympischen Rasen verhaften lassen. So wird den Chinesen auf alle Fälle das verdorben, worauf es ihnen mit der Ausrichtung der Spiele ankommt – möglicherweise viel geschickter als mit einem Boykott, den man sich trotzdem natürlich vorbehält und von einem angeblichen Wohlverhalten Pekings abhängig macht: Eine diplomatische Zwickmühle allererster Güteklasse.

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