Stichwörter zum Bildungsstreik

Sozialer Numerus clausus und Chancengleichheit

Mit der Einführung der Studiengebühren ist ein Studium mehr noch als zuvor schon für Studierende aus Familien mit niedrigen Einkommen zum ökonomischen Risiko geworden. In verstärktem Ausmaß entscheidet der finanzielle Hintergrund, den man hat, darüber, ob man sich ein Studium leisten kann. So werden Kinder aus einkommensschwachen Schichten zunehmend von wissenschaftlicher Ausbildung und dadurch von den Zugangsvoraussetzungen zu den angenehmeren und besser bezahlten Berufen ausgeschlossen. Bildungspolitiker leugnen diese Konsequenz und verweisen auf Stipendienmodelle und staatlich abgefederte Kreditprogramme, mit denen sie die Universitäten angeblich für jedermann „offen halten“. Im Übrigen stehen sie auf dem Standpunkt, dass Leute, die das damit verbundene finanzielle Risiko nicht tragen wollen, ohnehin nicht mit der richtigen Motivation an das Studium herangehen, also an der Universität auch nichts verloren haben.

Es gab auch schon andere Zeiten, in denen die Politik Bildungskatastrophen wegen einer im Vergleich zu konkurrierenden ausländischen Standorten zu geringen „Studierquote“ ausgerufen hat. Die geringe Abiturienten- und Studierendenzahl der jungen Leute aus den „Unterschichten“ hat sie damals nicht mehr mit dem Verweis auf mangelnde „Begabung“ oder „fehlende Motivation“ gerechtfertigt, sondern sich Mängel in der Bildungspolitik vorgeworfen. In den vorher für „eher praktisch begabt“ erklärten Unterschichtskindern entdeckte sie „Begabungsreserven“ und mobilisierte diese mit einer „Bildungsreform“ zur Erhöhung der Abiturienten- und Studierendenquote. Jetzt, wo es auf allen Qualifikationsniveaus so viele Absolventen gibt, dass kapitalistische Unternehmen und öffentliche Arbeitgeber frei auswählen können, kommt es den deutschen Bildungspolitikern vor allem auf „Exzellenz“, also auf eine international konkurrenzfähige Elite an – kein Wunder, dass Fördergelder mittlerweile weniger in „Massenuniversitäten“ als vielmehr in „Exzellenz-Unis“ und „-Cluster“ fließen. Näheres dazu: „Hochschulreform heute. Das Projekt, Wissenschaft und Ausbildung als Waffe in der Standortkonkurrenz zu effektivieren“ in GegenStandpunkt 4‑05: http://www.gegenstandpunkt.com/gs/05/4/inh054.htm – „Mit verschärfter Konkurrenz dem Denken Beine machen. Kürzungen der Uni-Haushalte, Studiengebühren, Elite-Universitäten. So bewirtschaftet der Staat die Ressource Bildung“ in GegenStandpunkt 1‑04: http://www.gegenstandpunkt.com/gs/04/1/reswiss.htm.

Im Rahmen des Bildungsstreiks wurde gegen den „neuen sozialen NC“ der Studiengebühren protestiert – aber nicht nur dagegen. Die Studiengebühren sind für viele der Bildungsstreikenden nur die Spitze des Eisbergs einer generellen sozialen Selektivität des deutschen Bildungssystems, die durch die die Bildungsreformen der letzten Jahre beständig verschärft worden ist. Sie halten es für ungerecht, dass sich in den Bildungsabschlüssen der Kinder und Jugendlichen die jeweilige soziale Lage ihrer Eltern widerspiegelt: Kinder von Hauptschul-„Absolventen“ schaffen es kaum bis zum Abitur oder gar zum Uni-Abschluss, während Akademikerkinder in aller Regel ebenfalls Akademiker werden.

Dieser Protest stört sich also weniger daran, dass es „Unter-, Mittel- und Oberschichten“ mit all ihren Vorzügen für Oben und Misslichkeiten für Unten gibt, sondern daran, dass Unterschichtkinder nur selten zu den besser Situierten aufsteigen und Kinder aus den sog. „besseren Kreisen“ die besser bezahlten Plätze gewissermaßen mit ihrer Geburt erben. Dass diese Kritik in der Konsequenz heißt, dass dann Kinder von „oben“ absteigen müssten, wenn die von „unten“ häufiger aufsteigen sollen, wird so offen nur selten zugegeben. Sie liegt aber in der Logik der Forderung nach Chancengleichheit. Die schließt ja ein, dass in jeder Generation aufs Neue zu ermitteln wäre, wer oben, wer unten und wer irgendwo dazwischen landet.

Die Hierarchie in dieser Gesellschaft wird also nicht angegriffen, sondern als selbstverständliche Gegebenheit vorausgesetzt, wenn man die Aufstiegschancen, die das Bildungssystem für Unterschichtkinder (v. a. die mit „Migrationshintergrund“) bietet, verbessern will und deshalb Fördermaßnahmen für die sozial Benachteiligten fordert. Das bedeutet eben auch, dass aus den geforderten Chancen für alle nicht Erfolge für alle werden können. Man tritt ein für die spezielle Förderung von Kindern aus den einheimischen und immigrierten „Unterschichten“, die deren soziales Handicap wettmachen sollen, und für den unentgeltlichen und freien Zugang zu allen Bildungsinstitutionen, weil man eine Sortierung von „besseren“, „mittleren“ und „schlechteren“ Schülern mit anschließender Selektion, d. h. dem Ausschluss von der nächst höheren Bildungsstufe, erst unter in diesem Sinne geänderten Voraussetzungen gerecht finden kann: Nur die den Individuen zurechenbaren Unterschiede der Lernleistung sollen beim Erringen von Bildungserfolgen zählen. Dabei ist jedem klar, dass die Zeugnisse, die diese Erfolge festhalten, die Zugangsvoraussetzungen sind für die weniger zahlreichen besseren und besser bezahlten Jobs: Die Jugend wird durch das Bildungswesen auf die Berufs- und damit die Einkommenshierarchie in dieser Gesellschaft vorverteilt. Wenn wirklich nur die Unterschiede der Lernleistung
die
Unterschiede des sozialen Status und des Einkommens begründeten, dann würde das von denen, die diese Unterschiede ganz objektiv festgestellt wissen wollen, akzeptiert. Dann, so sehen sie es, würden Arbeit und Bezahlung zu den Individuen passen, weil sie ihren „Fähigkeiten“ entsprächen, auf die von den Noten tautologisch zurückgeschlossenen wird.

So sind sie Anhänger einer gerechten Selektion in einer Wirtschaftsweise, die viele Menschen für schlecht entlohnte einfache Arbeiten braucht. Für die genügen die elementaren Kenntnisse, die sie in den früher zu Recht „Volksschulen“ genannten unteren Bildungseinrichtungen mitkriegen und die dort gelehrten, schnörkellosen, moralischen Grundsätze, mit denen sie sich Oben und Unten als der menschlichen „Natur“ entsprechend einleuchten lassen sollen. Für Anleitungs- und Überwachungsfunktionen sowie für anspruchsvollere Tätigkeiten sind dagegen relativ dazu weniger Leute mit „höherer“ Bildung und mehr oder minder wissenschaftlichen Qualifikationen vonnöten. Wer fordert: „Der Geldbeutel der Eltern darf nicht maßgeblich über die Zukunft der Kinder entscheiden“, den stört eben nur, dass dann die Verteilung des gesellschaftlichen Nachwuchses auf diese sehr unterschiedlichen Positionen nicht mit seiner Gerechtigkeitsvorstellung in eins geht. Dass zu Machtpositionen und Wohlstand wirklich diejenigen gelangen, deren angeblichen Fähigkeiten und Persönlichkeit sie entsprechen, und dass in den schlecht bezahlten und unsicheren Jobs diejenigen landen, bei denen „es mangels Grips zu mehr nicht langt“, mag er nicht glauben, wenn das Geld der Eltern bei dieser Verteilung eine – maßgebliche – Rolle spielt.

Wer Chancengleichheit durchsetzen will, dem geht es um mehr als darum, dass Notebook, Klassenfahrt und Studienmaterialien kostenlos sein sollen – dagegen gäbe es wirklich keinen Einwand. Es geht ihm darum, dass die Vorsortierung der Kinder für die Hierarchie der Berufe im Bildungswesen so stattfinden soll, dass er, aber auch alle, die dieser Sortierung unterworfen werden, zu dem Schluss gelangen können, das Resultat der Auslese verdanke sich wirklich und ausschließlich den unterschiedlichen geistigen Voraussetzungen und den unterschiedlichen „Lernleistungen“ der so Sortierten.

Dabei entgeht ihm allerdings die entscheidende Leistung der Bildungsstätten: Sie stellen durch die in ihnen veranstaltete Konkurrenz in Sachen Lernen pro Zeit die Unterschiede im Lernerfolg nicht nur fest, sondern her, indem
alle, die das jeweils pro Zeit vorgeschriebene Lernpensum schlechter mitgekriegt haben als andere, das Nichtverstandene nicht gründlicher erklärt, sondern schlechte Noten und Zeugnisse bekommen, und daher zu den nächst höheren Lehranstalten nicht zugelassen werden bzw. diese vorzeitig verlassen müssen. Auf unterschiedlichen Lernerfolg kommt es an, weil so die Vorsortierung der Kinder für die Hierarchie der Berufe stattfindet.

Und daran soll nur kritikabel sein, dass Eltern die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel dafür einsetzen, diesen „Herstellungsprozess“ für ihr Kind günstiger zu gestalten? Es wäre doch merkwürdig, wenn in einer Gesellschaft, in der sich alles ums Geld dreht, das Geld ausgerechnet bei der Verteilung gesellschaftlicher Lebenslagen ohne Bedeutung wäre. Zur Marktwirtschaft, in der für Geld auch sonst alles zu kaufen ist, gehört das allemal. Wer sich also daran stört, dass besser verdienende Eltern ihren Kindern den Schulerfolg gewissermaßen „kaufen“, der sollte sich einmal gründlichere und kritischere Gedanken über eine Gesellschaft machen, in der das gesamte Leben – nicht erst der Bildungsabschluss – von der Verfügung über Geld abhängt!

Wenn die Klage über den zunehmenden Verlust an Chancengleichheit bis zu der Sorge führt, durch den „sozialen NC“ würden nur die Kinder der Besserverdienenden und nicht die wirklich Besten in die Spitzenpositionen von Staat und Wirtschaft gelangen, wodurch das Gemeinwesen Schaden nehmen könnte, dann rennt man bei Bildungspolitikern offene Türen ein. Die möchten, dass das Bildungswesen für alle Jobs der Gesellschaft den passenden Nachwuchs bereitstellt. Dabei wollen sie weder Arbeiterkinder vom Studium ausschließen, noch halten sie es für grob ungehörig, wenn bestehende Einkommensunterschiede etwa per Studiengebühren und – mehr noch – durch die Not, sich neben dem Studium den Lebensunterhalt verdienen zu müssen, in der Konkurrenz um Studienplätze und -abschlüsse wirksam werden. Für die demokratische Führung zählt letztlich allein das Resultat der Bewährung im groß angelegten Leistungstest im Bildungssystem: Genug Beste für deutsche Erfolge gegen die internationale Konkurrenz!

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