„Man kann nicht mehr verteilen, als erwirtschaftet worden ist!“

lautet ein Warnruf, der in unserer modernen Marktwirtschaft seinen unvergänglichen Platz hat. Wie wahr, scheint es! Wenn es nur einen Kuchen gib, ist es schwierig, mehr als einen zu verspachteln. Aber wer meint überhaupt, dass es möglich wäre!? Und wem sagt man das?! Vielleicht den Reichen, die aufpassen sollen, dass sie den ‚gesamtgesellschaftlichen Konsumtionsfond‘ nicht zu sehr mit Villen, Nobelkarossen und Luxusjachten überstrapazieren? Bemerkenswerterweise gilt der Aufruf zur Zurückhaltung ausgerechnet denen, die ohnehin immer knapp bei Kasse sind: abhängig Beschäftigten, Arbeitslosen, Rentnern und ähnlichen Sozialfällen, kurz all jenen, die nichts besitzen und deswegen darauf angewiesen sind, dass ihnen von den Instanzen, die über den Geld- und sonstigen Reichtum gebieten, den es in der Gesellschaft gibt, etwas zugewiesen wird. Zurückgewiesen werden vorgebrachte oder unausgesprochene Wünsche nach einer etwas üppigeren Teilhabe an dem ungeheuren Reichtum, den die großen Nationen bei sich hervorbringen, und das mit einem Argument, das scheinbar über allen Interessen steht, daher quasi unwidersprechlich ist und jede weitere Debatte überflüssig macht: ‚Es gibt nur, was es gibt.‘ Als ob der Umstand, dass ’nicht mehr da ist‘, eine Aufteilung des Reichtums, die in dem bekannten Nebeneinander von ‚Reich und Arm‘ zu besichtigen ist, begründen könnte! Es muss schon an den unterschiedlichen Rollen der Subjekte liegen, wie viel sie abkriegen. Dieser Zusammenhang wird allerdings geleugnet, wenn auf den allerallgemeinsten Zusammenhang zwischen vorhandenen Gütern und Konsumtion überhaupt als Grund für Beschränkung gedeutet wird; als wenn wirklich irgendjemand jemals daran gedacht hätte, das Bruttosozialprodukt für die Verteilung an bedürftige Leute in Betracht zu ziehen! Was gemeint ist, dass nämlich der Reichtum dieser Gesellschaft schlicht und einfach nicht für die gegenwärtigen, ehemaligen und heranwachsenden künftigen Arbeitsleute geschaffen ist und zur Verfügung steht, wird ausgedrückt als ‚ökonomisches Sachgesetz‘ der dümmsten Art. Ihre ganze Plausibilität bezieht die Tautologie, dass das, was zugeteilt wird, genau das ist, was ‚drin‘ war, aus keinem anderen Grund als der staatlich eingerichteten und abgesicherten Macht des Eigentums und der Tatsache, dass man die Leute traditionell so kurz hält.

Auf der anderen Seite gibt es nebenbei eine durchaus abweichende Lesart des ‚beschränkenden‘ Charakters des vorhandenen Reichtums. Auch Unternehmer kennen die Unzufriedenheit mit dem Bestehenden, sie ist geradezu Inbegriff ihres Berufs. Nur ist bei ihnen das, was es schon gibt, nicht etwa Anlass zu Bescheidenheit, sondern stets Ausgangspunkt und Mittel für die Schaffung zusätzlichen Reichtums. Der Anspruch auf Gewinnemachen gilt so unbedingt, dass er sogar den Ruf eines unhintergehbaren ökonomischen Sachzwangs genießt. Und umgekehrt: Für dieses Programm, es soll mehr werden, haben sie nicht einmal eine Schranke in dem, worüber sie bereits verfügen. Mit dem Versprechen auf eine Ertragsbeteiligung findet sich immer eine geschäftstüchtige Bank, die mit Zahlungskraft aushilft, und die ihrerseits dabei gar nicht auf Geld angewiesen ist, dass sie schon hat; sie schöpft Kredit aus dem Nichts und entschränkt die Reichtumsproduktion damit in beispiellosem Maße.

Zwei vollkommen komplementäre Interpretationen eines ‚ökonomischen Sachgesetzes‘, das für ein und denselben Laden gelten soll. Ein schreiender Widerspruch? Aber wen stören schon kleine Ungereimtheiten, wo sich die Menschheit an die Verteilung der Rollen und ihr Zusammenwirken in der Marktwirtschaft gewöhnt hat. Dabei ist die ökonomische Weisheit in ihrer Gemeinheit kaum zu überbieten: Ausgerechnet beim Lohn soll es so ähnlich sein wie beim Kuchen; ausgerechnet bei dem Lebensunterhalt von Arbeitern und Angestellten, dessen Ausbezahlung durch die, die das Monopol über den Geld- und Warenreichtum sowie die Mittel seiner Produktion innehaben, unter der verbindlichen Vorgabe gestellt ist, das Vermögen der Arbeitgeber zu mehren. Sachlich betrachtet blamiert sich die Vorstellung von ‚Verteilung‘, wo die Eigentümer der Produktionsmittel den Arbeitenden Lohn bezahlen, der sie berechtigt, die Produktion möglichst gewinnträchtig zu organisieren, so dass deren gesamtes Produkt ihr – vermehrtes – Eigentum wird, oder anders ausgedrückt: wo Ausbeutung herrscht.

Auf die im eingangs zitierten Spruch angelegte Heuchelei, eigentlich sei der – ‚leider immer zu knappe‘ – Reichtum auch für ihr dienstbares Personal da, wenn das nur nicht mehr „verteilt“ bekommen will, „als erwirtschaftet worden ist“, mag die Klassengesellschaft dabei nicht verzichten.

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