„Echt arm“

Seit mehr als vier Jahrzehnten veranstaltet die Aktion Mensch (vormals Aktion Sorgenkind) Lotterien, die den vielen armen Schluckern in dieser Gesellschaft eine Chance bietet, die sie sonst nicht haben: sie können reich werden. Und wenn das nicht klappt, dann bleibt ihnen das Wissen, Gutes getan zu haben, als ideeller Gewinn: ihr gesammelter Einsatz kommt „Menschen mit Behinderungen und Menschen in besonderen sozialen Lebenssituationen“ zugute.

Das Material für diese Wohltätigkeit geht dabei nicht aus. Im Gegenteil! „Unsere Gesellschaft“ beschafft Nachschub in einem Ausmaß, dass die Lotterieveranstalter anfangen, sich Sorgen um ihre Beschaffenheit zu machen. Unter dem Titel „dieGesellschafter.de“ haben sie ein „Aufklärungsprojekt“ gestartet, das zum Engagement für Chancengerechtigkeit, Generationengerechtigkeit, zwischenmenschliche Gerechtigkeit, soziale Gerechtigkeit und allerlei sonstige Gerechtigkeiten aufruft. Jugendliche können sich derzeit engagieren, indem sie sich am bundesweiten Wettbewerb ECHT ARM? beteiligen, den die Aktion Mensch gemeinsam mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverbands DPWV veranstaltet. Echt arm, so entnimmt man der Ausschreibung, sind in der Bundesrepublik „sieben Millionen Deutsche (…), darunter fast zwei Millionen Kinder.“

„Es gibt in unserer Gesellschaft immer mehr Menschen, bei denen gegen Monatsende das Geld so knapp ist, dass sie sich nichts mehr zu essen kaufen können. Viele Kinder und Jugendliche können sich einen Teil ihrer Schulsachen nicht leisten, weil die Eltern kein Geld haben. Andere werden zu keinem Kindergeburtstag eingeladen oder gehen nicht hin, weil sie das Geschenk nicht bezahlen könne. Auch auf Bildungs- und Ausbildungschancen sowie Gesundheit wirkt sich Armut aus. Armut ist ein Tabuthema, doch die Zahlen sprechen für sich.“

Dass es immer mehr Arme gibt, ist tatsächlich unübersehbar. Aber wie kommen „die Gesellschafter“ darauf, dies sei ein „Tabuthema“? Mehrere PISA-Studien bescheinigen Kindern aus armen Familien besonders schwache Leistungen, alle Medien berichten ständig darüber, dass die meisten Leute zu wenig Geld haben, um sich genießbare Lebensmittel, eine halbwegs anständige Gesundheits- und Altersversorgung und ein Dach über dem Kopf zu leisten – es wäre eher ein Kunststück, nicht zu wissen, wie es um die finanzielle Lage eines Großteils der Bevölkerung bestellt ist. Und ebenso häufig und deutlich bekommt man mitgeteilt, dass es nach dem Willen der Wirtschaftsführer und Politiker noch viel mehr Armut geben sollte! Für den wirtschaftlichen Erfolg des Standorts Deutschland müssen „Ansprüche“ runter und Arbeitsleistung und Einsatzbereitschaft rauf, die Lohnkosten sind immer zu hoch und die Sozialleistungen auch. Die Hartz-IV-Empfänger z.B. kosten „uns“ zu viel und leisten nichts: Die ihnen abgenötigte Zwangsarbeit ist schließlich kein echter rentabler Arbeitsplatz, an dem echtes Kapitalwachstum produziert wird – Pech, wenn sie einen solchen nicht ergattern konnten, aber haftbar gemacht werden sie trotzdem dafür: Mit noch weniger als 345,-Euro im Monat steigt dann bestimmt der „Anreiz“ sich weiterhin um etwas zu bemühen, das es gar nicht für alle gibt.

So, nämlich als notwendigen Bestandteil einer marktwirtschaftenden Gesellschaft, sollen „wir“ Armut allerdings nicht sehen. Sieben Millionen echt Arme inspirieren „die Gesellschafter“ im Rahmen ihres Projektes „In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?“ keineswegs zu einer Kritik an ihrem real existierenden „Gemeinwesen“ – sondern zu dem Aufruf, die Armut künstlerisch zu bearbeiten:

„Der Wettbewerb ECHT ARM? fordert auf, sich zu informieren, genau hinzusehen und die persönliche Perspektive, eine subjektive Wahrnehmung von Armut, darzustellen. … Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt!“

Wozu das denn? Vom allgemeinen Hingucken werden die Armen auch nicht reicher! Aber darum geht es dem Projekt wohl auch nicht, denn wer Armut abschaffen will, hält sich nicht mit ihrer – kreativen! – Darstellung auf, sondern fragt nach den Ursachen für ihr massenhaftes vorkommen und ruft zu ihrer Beseitigung auf.

Die systematische Herstellung von Armut durch Wirtschaft und Politik zu beantworten mit der Aufforderung, deren Resultate ausgiebig und subjektiv zu betrachten, taugt nur dafür, bei moralischen Mitmenschen Betroffenheit zu erzeugen: die Armen brauchen Hilfe. Sie sind auf „unsere“ Solidarität, „unser“ Engagement, „unsere“ Mildtätigkeit angewiesen, damit sie auch als Arme eine gerechte Chance haben. „Wir“ sind dabei die Gemeinschaft der mitleidigen Gutmenschen, die so wohltuend das brutale, politökonomisch hergestellte Wir der Sozialen Marktwirtschaft bereichert.

Die Antwort auf die so gewichtig daherkommende Leitfrage „In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?“ lautet also durchaus konstruktiv: in genau der Gesellschaft, die es gibt, in der jegliche Produktion der Vermehrung des Reichtums der Besitzenden dient und der Lebensunterhalt der Nicht-Besitzenden davon abhängt, dass sie sich für diese Reichtumsvermehrung nützlich machen, also Abzug vom eigentlichen Zweck Gewinnerwirtschaftung ist. Dieses marktwirtschaftliche Prinzip, das nicht in Frage gestellt wird, soll aber ergänzt werden um eine Armenbetreuung, über deren Umfang und sachliche Beschaffenheit im Rahmen des „Gesellschafter-Projekts“ diskutiert wird. Arm = chancenlos? lautet die Frage, die dieses selbsternannte „kritische Korrektiv“ beschäftigt, und die Gesellschaftskritik, die diese Frage nahe legt ist eben keine Kritik an der Normalität von Armut, sondern die Aufforderung an „unser Gemeinwesen“, die Armen nicht von jeder Lebensnotwendigkeit auszuschließen. Als Aufforderung an die „Zivilgesellschaft“, den Armen spendend unter die Arme zu greifen, passt das zum Laden; als Vorhaltung an die Gesellschaft, sie habe ihre sozialen Ideale verloren, liegt es ziemlich daneben. Weder Demokratie noch Marktwirtschaft haben jemals allen ihren Zwangsteilnehmern ein auskömmliches Einkommen versprochen. Das wäre ja Unfreiheit!

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