Die zehn dummen Fragen der Philosophie und die Antwort auf die Frage (III):

Was ist Philosophie?

In der Philosophie werden Fragen für wichtiger erachtet als deren Beantwortung. Auf Wissen zielen die Fragen der Philosophen also nicht. Nicht nur, dass sie in dem nunmehr über 2000 Jahre währenden „Diskurs“, als den sie ihre Disziplin vorstellen, keine einzige ihrer Fragen abgehakt haben: Sie warnen sogar vor dem Bedürfnis nach Wissen. Wenigstens die Philosophen scheinen sich an diese Warnung gehalten zu haben: Die heutigen Lehrer dieser Disziplin wissen in der Tat nichts mehr. Das macht aber nichts. Die Fragen, die sie in philosophischen Vorlesungen und Seminaren vorlegen, sind nämlich schon die fertigen Antworten, die ihre Liebe zur Weisheit hervorbringt. Und zwar Antworten, die für sie außer Frage stehen.

Teil III:

8. Existenzialismus Die Schuldfrage

Es gibt eine Spezies von Philosophen, die sich kritisch gegen jene Tour wendet, aus der Menschennatur Gebote fürs Menschsein ableiten zu wollen. Nicht deswegen, weil es ein Widerspruch ist, die Natur des Menschen so zu bestimmen, dass sie immer erst noch verwirklicht werden muss, also in Wirklichkeit gar nicht ist, wie behauptet, sondern erst durch die Anstrengung des moralischen Willens zu der werden kann, die sie angeblich schon ist.

Der Existenzialist vermisst vielmehr „Freiheit“: nicht die, mit der sich der gewöhnliche Moralphilosoph an die „Erkenntnis“ und Erfüllung seines natürlichen Auftrags macht, sondern die, zu der er spätestens seit Sartre den Menschen „verurteilt“ weiß. Ausgerechnet die Freiheit, sich selbst Zwecke vornehmen und diese zielbewusst verfolgen zu können, soll das schwere Schicksal „des“ Menschen ausmachen?! Dann muss wohl die Umkehrung – eherne Gesetze, denen der Mensch gehorchen muss, weil er nicht anders kann – das Ziel aller Träume sein – und so ist es auch gedacht: Wer nur sich selbst gehorcht und keiner fraglos anerkannten höheren äußeren Macht, kann die Verfolgung seiner Interessen nicht heuchlerisch als Dienst am Wahren, Guten und Schönen verkaufen, sondern muss seine Taten selbst verantworten.

Na und?! Der eine will die Sportschau sehen, der andere möchte Klavier spielen und die Dritte will etwas Leckeres auf dem Teller haben, und alle kümmern sich darum, ihre Wünsche in die Tat umzusetzen: Was soll daran so schrecklich sein, dass es einer Verurteilung gleichkommt? Das: Dann sind Wille und Handeln ja gar nicht legitimiert und das ist auch für den Existen- zialisten ein unhaltbarer Zustand, denn dürfen muss man schon können beim Wollen. Weil also der Mensch über einen Willen verfügt, als moderner Zeitgenosse aber damit rechnen muss, dass „Gott nicht existiert“ und damit keine von ihm, dem Menschen, getrennt existierenden Werte, die „unser Betragen rechtfertigen“, ist er von sich selbst allumfassend in die Pflicht genommen:

„Wenn ich in den Krieg ziehe, so ist dies mein Krieg.“(Sartre)

Eine derart generelle Schuldzuweisung will nichts davon wissen, wer überhaupt in der Lage ist, Kriege anzuzetteln und warum und wofür, sondern macht aus dem mehr oder weniger bereitwilligen Mittäter eines Krieges dessen Mit eigentlich tätiges Subjekt.

Was das soll? Jeder Mensch – egal, in welches „Sein“ genau er „geworfen“ wurde – wird, weil es ihn gibt, zum freien, gleichen und verantwortlichen Bestandteil der imaginierten Wertegemeinschaft namens „Menschheit“ erklärt und alle seine Taten zu einem Beitrag zu dem je aktuellen Weltzustand. So ist dann wenigstens dieser ein Stück weit ent-schuldigt: Er ist das Resultat von ziemlich verantwortungslos gelebter menschlicher Freiheit, also von „uns allen“.

9. Dialektische Philosophie Was darf ich kritisieren?

Auch für kritische Geister hat die Philosophie etwas zu bieten. Klar, dass hier Kritik nicht darin besteht, zu sagen, was einem nicht passt und dafür auch noch ein paar Gründe vorzubringen. Kritik muss „immanent“ vonstatten gehen: Man stellt sich auf den Standpunkt der kritisierten Sache und entdeckt lauter Anhaltspunkte dafür, dass sie ihren eigenen Maßstäben nicht genügt. Schließlich will man im kritisierten Gegenstand ein Recht haben, ihn zu kritisieren – alles andere wäre zuviel herausgenommen.

Die Welt einmal dialektisch betrachtet, tun sich so auch lauter Widersprüche auf. Eine Diagnose, die recht sonderlich ist, erfährt man doch nicht einmal, was da in welcher Hinsicht widersprüchlich sein soll. Mit der Konstatierung von Widersprüchen ist diese Philosophie schon fertig, bevor sie etwas gesagt hat. Das Prädikat „widersprüchlich“ zeichnet nämlich ebenso wenig wie die Prädikate „einheitlich“, „begründet“ usf. etwas aus, weil es logische Kategorien sind, die man in ihrer ganzen abstrakten Armut an allem auffinden kann – wenn man darauf aus ist.

Dass es den kritischen Philosophen ausgerechnet die Kategorie des Widerspruchs angetan hat, ist so auch nicht in der Sache begründet, sondern in ihrem Anliegen, in der Sache einen Mangel zu entdecken, der ihr selbst das Leben schwer macht: Zerfällt etwas in zwei sich widersprechende Seiten, so ist es mit sich selbst nicht in Eintracht und berechtigt zu Kritik. Zwar ist auch dies kein logischer Befund, sondern ein moralischer, aber es kam ja auch nur auf letzteren an: Was darf ich kritisieren? Ausgerechnet dort, wo sie kritisch werden, sich in einen Gegensatz zur Welt begeben, haben die Philosophen kein dringenderes Bedürfnis, als sich mit ihrer Kritik an der Welt auf sie berufen zu können. So kommt einerseits eine untertänige Frage zustande, die nach der Erlaubnis fragt, kritisch zu werden, und andererseits Hoffnung auf, weil die kritisierte Welt sich durch ihre widersprüchliche Beschaffenheit selbst kritisiert. Zufriedenheit stellt sich ein, weil man die Welt als die Verwirklichung der eigenen Sichtweise kennen gelernt hat, und so ist auch eines – woran man bei Kritik doch eigentlich zuerst denkt – völlig abwegig: Gegnerschaft.

10. Anthropologie Was ist der Mensch?

Die Frage „Was ist der Mensch?“ hat sich die Antwort schon erteilt. Sie setzt nämlich ein Subjekt in die Welt, das von allen Qualitäten, welche die Menschen und ihr Treiben ausmachen, abzusehen gebietet, um dann nach der Qualität dieser Abstraktion zu fragen:

„ …hat sich die philosophische Anthropologie als eine systematische Disziplin konstituiert, die sich einmal mit dem Menschen ‚als Menschen’ befasst. (Lexikon der Philosophie)

Der Mensch als solcher ist eben das Gebot, alles, was Menschen sind und tun, so zu betrachten, dass es eben Menschen sind, die solches tun und sind und nicht – ja, was eigentlich nicht?

Das Tautologische der anthropologischen Fragestellung ruft das Bedürfnis nach einem Abgrenzungsgegenstand hervor, von dem man den Menschen unterscheiden kann, weil man gar nicht positiv sagen kann, was dieser selbst ist. So kommt die Anthropologie auf einen verkehrten Vergleich von Mensch und Tier: Der Mensch ist, dass er sich vom Tier unterscheidet.

„Wesentliche Ideen dabei sind: die Unterschiedenheit des Menschen vom Tier durch Instinktarmut, bzw. –schwäche, die zugleich Instinktentbundenheit und Freiheit darstellt, die Welt’offenheit’ gegenüber der Umweltverhaftetheit des Tieres.“ (ebd.)

Während ein korrekter Vergleich die positive Kenntnis beider Seiten voraussetzt, wird hier jeweils eine Seite als Fehlen der anderen bestimmt: Tier nix frei, alles verhaftet, Mensch nix Tier, von Gebundenheit entbunden.

Wenn das Tier durch seinen Instinkt an die Umwelt gebunden ist, wird nicht erklärt, was der Instinkt leistet, sondern wird als mangelhafter Wille vorgestellt, als ein Wille, dem seine Gegenstände vorschreiben, was er zu tun hat („verhaftet“). Umgekehrt wird der menschliche Wille als ein Instinkt vorgestellt, der den Man- gel hat, dass ihm die Gegenstände nicht sagen, was er zu tun hat („Weltoffenheit“).

Die Anthropologie konstruiert den Menschen als ein Wesen, das nach einer Orientierung verlangt (weil fehlender Instinkt), d.h. gelenkt sein will, aber nicht einfach wie die sorglosen Viecher eine Orientierung hat – weil ausge- sprochener Instinktschwächling -, sondern sich selbst erst eine schaffen muss. Und hierbei muss der Mensch verdammt aufpassen, dass er sein Menschsein nicht verfehlt, denn sobald ein Mensch etwas will, sich bestimmte Zwecke setzt, sieht die Anthropologie darin die Gefahr, dass er dadurch seine Offenheit für die ganze Welt beschränkt. Die Anthropologie liebt den Menschen daher, sofern er sich ihrem Bild von ihm gemäß zu machen sucht und sich selbst und seine Zwecke grundsätzlich für sehr fraglich befindet:

„Der Mensch ist das Wesen, das fragt, nicht nur was ist, sondern auch nach dem Warum und Wozu, und das sich schließ schließlich selbst ‚in Frage stellen’ kann.“ (ebd.)

Es lieben also ihrerseits nur Menschen die Anthropologie, die in den Vorschriften, die einem diktieren, was man darf und was nicht, auf jeden Fall eine Hilfe für den um Orientierung ringenden Menschen erblicken wollen. So menschlich kann man die Gewalt sehen, wenn man glaubt, dass die Menschen, weil und solange sie nicht wissen, wer sie (doch wohl schon längst) sind, eine Führung brauchen, die sind auf ihr Menschsein aufpasst. – Woher weiß die das eigentlich?!

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