Unter Geiern

„Einem nackten Mann kann man nichts aus der Tasche ziehen!“ Für Taschendiebe mag das stimmen, für das internationale Finanzkapital nicht. Mit der Kreation von Finanzprodukten bewerkstelligt es genau das mit gutem Erfolg:

1. Wie Geier-Fonds an überschuldeten Entwicklungsländern verdienen

Sogenannte Geier-Fonds holen beachtliche Renditen aus ruinierten Drittwelt-Staaten. mit folgender Geschäftsidee:

„Sie kaufen alte Schuldtitel von Entwicklungsländern auf, die praktisch nicht mehr zahlungsfähig sind. Dafür zahlen sie weit weniger als den ursprünglichen Wert.“ („Alptraum der Armen“ in: Süddeutsche Zeitung v. 24.10.2007)

Die Fondsgesellschaften engagieren dann „hochbezahlte Rechtsanwaltskanzleien“, deren „trickreiche Juristen (…) gegenüber den betroffenen Staaten hohe Forderungen über Schuldenrückzahlungen einschließlich Zins und Zinseszins“ vor Gericht durchsetzen. Im Ergebnis ein höchst profitables Geschäft für diese Fondsgesellschaften: So „verdiente [einer dieser Fonds] an Schulden des zentralafrikanischen Staates Republik Kongo, die er zum Schnäppchenpreis von zehn Millionen Dollar erworben hatte. In einer Klage forderte der Spekulant 400 Millionen Dollar – am Ende gab es immerhin noch 127 Millionen Dollar“. (ebda.)

Eine gutes Geschäft also, Fondsbetreiber und -anleger sind hoch zufrieden. Weniger zufrieden sind kritische Dritte-Welt-Aktivisten, die von den Wirtschaftsjournalisten der SZ zustimmend referiert werden. Die halten diese Art der Kapitalvermehrung für moralisch höchst verurteilenswerte „Leichenfledderei“: „Den ärmsten der armen Entwicklungsländern wird der letzte Euro oder Dollar abgepresst.“ (ebda.)

Eigentlich ist das bei diesen Schuldnerländern der Normalfall. Die Gläubiger, die die mittlerweile abgeschriebenen Schuldtitel jetzt verkaufen, haben jahrzehntelang Zahlungen kassiert, die, zusammengenommen, die geschuldete Hauptsumme meist bei weitem übersteigen, aber bestenfalls für die Zinsbedienung, nie aber für die Tilgung ausgereicht haben. Was die Schuldnerstaaten für Rohstoffexporte bezahlt bekamen, war nämlich nie darauf berechnet, sie dazu instandzusetzen, alle aufgenommenen Kredite zu bedienen und zu tilgen, die im Unterschied zu den schwankenden Rohstoffpreisen bei Zahlungsunfähigkeit automatisch anwachsen. Ihr Versuch, mit geliehenem Geld ein Wirtschaftswachstum in Gang zu setzen, ist gescheitert, und der Zwang, die Auslandsschulden zu bedienen, hat zu immer neuer Kreditaufnahme geführt und diese Staaten zahlungsunfähig gemacht. Ein Teil des Schuldenbergs wird von den Gläubigern also als uneinbringlich abgeschrieben, nachdem sich auch mit tatkräftiger Unterstützung durch IWF-Auflagen, die Privatisierung und Sparmaßnahmen vor allem im sozialen Bereich erzwangen, um den Schuldendienst möglich zu machen, nichts mehr aus den Schuldnerstaaten herauspressen lässt. Und ein Teil dieser Schulden wiederum lässt sich an die Geier-Fonds verkaufen.

Dass es denen gelingt, diese „ärmsten der armen“ Länder so unter Druck zu setzen, dass sie doch noch Zahlungsmittel auftreiben, trägt ihnen Kritik ein; und zwar nicht nur von Hilfsorganisationen, die zwischen der Zahlungsunfähigkeit eines Staates und der Armut seiner Bevölkerung keinen Unterschied machen wollen, sondern auch aus gewichtigem Munde:

„‚Solch ein Vorgehen nutzt den Schuldenerlass anderer Gläubiger aus und lenkt damit Mittel von der Armutsbekämpfung in dem Schuldnerstaat ab‘, kritisierte der Pariser Club.“ (manager-magazin.de 30.05.2007)

Den Auftrag zur „Armutsbekämpfung“ haben die „großen Industrieländer“ des Pariser Clubs nämlich damit verbunden, dass sie den sog. hoch verschuldeten armen Ländern (HIPC = Highly Indebted Poor Countries) einen Teil ihrer Schulden erlassen. Das Geld dafür soll aus dem Schuldenerlass kommen, auch wenn da kaum was „frei“ wird, weil die Schulden ja sowieso nicht mehr bezahlt werden konnten. Deswegen wurden sie schließlich erlassen. Bekämpft im Sinne von gelindert oder gar abgeschafft soll die Armut also nicht werden, dafür wären ganz andere Mittel nötig, eingehegt aber schon. Und zwar in ziemlich wörtlichem Sinne: So viel „Sozialprogramm“ soll laufen, dass die Hungerleider erstens nicht die Küsten der reichen Länder unsicher machen, sondern da bleiben, wo sie sind, und zweitens da still vor sich hin (ver)hungern und keine politischen „Wirren“ anzetteln. Dafür gibt’s ein paar „donations“ und den einen oder anderen Kredit, und die sollen zweckgebunden eingesetzt werden.

Dabei stört das Geschäft der Geier-Fonds: Wenn die die Leichen völlig marktwirtschafts- und rechtskonform gefleddert haben, dann bleibt für die Mitglieder des Pariser Clubs und den IWF womöglich keine Instanz mehr übrig, die sich noch beaufsichtigen ließe. Also werden „außenstehende“ Gläubiger – in der Regel Staaten wie Rumänien oder Bulgarien – aufgefordert, den Verkauf von Schuldtiteln gefälligst bleiben zu lassen, und die Geier-Fonds an den Pranger gestellt. Mehr passiert nicht, das aber im Namen der „Armen“. Da können die sich aber freuen!

2. Mit gutem Gewissen an der Armutsbekämpfung (mit)verdienen

Auch gute Menschen brauchen auf satte Renditen nicht zu verzichten. „Geld anlegen und sich dabei gut fühlen“, das ist möglich, vermeldet die Stuttgarter Zeitung, und es ist ganz einfach:

„Ein neues Investmentgesetz erlaubt es der deutschen Finanzbranche, neben klassischen Aktien- und Rentenfonds künftig auch Mikrokreditfonds aufzulegen und zu vertreiben. […] Künftig sollen alle Sparer beim Anlagenthema Kleinstkredite bedenkenlos zugreifen können.“ (Stuttgarter Zeitung v. 10.11.07)

Mohammad Junus, Bankier und Friedensnobelpreisträger, hat es vorgemacht(1) und jeder Sparer kann es ihm nachmachen, dank der Findigkeit der Finanzbranche und der deutschen Gesetzgebung: Man kann Geld verdienen am absoluten Elend und sich dabei eines guten Images erfreuen, nach außen und nach innen. Das geht so: Weltweit gibt es zahllose Arme, die nach dem erfolgreichen Siegeszug der Marktwirtschaft Geld für ihren Lebensunterhalt brauchen, aber keines haben – fürs Überleben nicht und für Arbeits- oder Produktionsmittel erst recht nicht. Lokale und zunehmend auch international agierende Banken leihen ihnen kleine und kleinste Summen als „Unternehmenskredit“ und nehmen zum „Ausgleich“ für das Ausfallrisiko und den Verzicht auf pfändbare Sicherheiten 2-4 % Zinsen – pro Monat(!). Den Charakter von Hilfe erhält das dadurch, dass anders Geld gar nicht oder nur zu noch viel höheren Zinsen zu bekommen ist. Ein lokaler Eintreibedienst holt monatlich Zins und Tilgung ab und sorgt für eine Rückzahlquote von über 98%. Ein einträgliches Geschäft also, an dem sich der deutsche Sparer jetzt beteiligen darf: Er kann Anteile an deutschen Fonds erwerben, denen die kreditgebenden Banken die Schuldverschreibungen als ihr Geschäftsmittel verkauft haben.

So sind gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen:

– Die Ärmsten der Armen, zumindest die, die eines Mikrokredits als Startkapital für ein Kleinstunternehmen würdig befunden werden, können sich ernähren, sofern es ihnen gelingt, sich mit ihrem Geschäft gegen industriell erzeugte Importprodukte und den kämpferischen Geschäftssinn von ihresgleichen zu behaupten und dabei auch noch die Zinsansprüche ihres wohltätigen Gläubigers zu befriedigen.

– Aus ansonsten für die Kapitalvermehrung völlig nutzlosen, weil dafür nicht gebrauchten, Hungerleidern ist ein Geschäftsmittel für Kapital, Bankkapital in diesem Fall, geworden.

– Die Spargroschen des kleinen Mannes fließen in Finanzprodukte der Fondsgesellschaften, die damit ihre Spekulationen machen, und den kleinen Mann, gegen Gebühr selbstverständlich, an deren Erfolg oder Misserfolg teilhaben lassen.

– Die „deutschen Sparer“, die solche Fondsanteile kaufen, können sich fühlen wie Friedensnobelpreisträger – im Miniformat. Während es der gute Junus zu beachtlichem Reichtum gebracht hat, „bekämpfen“ sie mit der Aussicht auf eine hohe Rendite nicht nur die Armut der Drittweltbewohner, sondern auch die eigene. Nicht so furchtbar erfolgreich in beiden Fällen, aber dafür mit gutem Gewissen.

(1) Wofür Junus diese Auszeichnung bekommen hat, ist nachzulesen in GegenStandpunkt 4-2006, S. 59: „Friedensnobelpreis für einen Bankier: Geschäft ist Hilfe, Kredit ist Menschenrecht“.

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