Auch Fußball gehört zur deutschen Leitkultur:

Nationalismus für Sportfreunde und sonstige Gebildete

So richtigen bösen Nationalismus kennt unsere demokratische deutsche Leitkultur bekanntlich nicht. Politische Vorurteile sind ihr überhaupt fremd. Ihre Leitsterne sind objektive Information und freie Meinungsbildung. Um beides kümmert sich professionell eine freiheitliche, weltoffene Presse. Die berichtet sachlich und unterscheidet objektiv Wichtiges vom Unwichtigen; und bei der Herstellung einer gebildeten Meinung lässt sie ihre Leserschaft auch nicht im Stich. Sie begleitet ihre Berichterstattung mit Interpretationsangeboten, drängt niemandem etwas auf – und vollbringt damit eine Leistung, von der staatliche Propagandaministerien nur träumen können: Mit größter Selbstverständlichkeit und unter Wahrung jeden Respekts vor der privaten Urteilsbildung vereinnahmt die „vierte Gewalt“ ihr Publikum für den Standpunkt, von dem aus hierzulande wichtig und unwichtig geschieden, sachgerecht kommentiert und vernünftig gemeint gehört. Für einen nationalistischen Blick aufs Weltgeschehen wirbt sie nicht – sie praktiziert ihn.

In diesem Jahr ein Dauerbrenner: die Fußball-WM. Da schaut die ganze Welt „auf uns“, schließlich ist sie ja „zu Gast bei Freunden“ und „wir“ müssen der Welt ordentlich Eindruck machen – am besten durch den Turniersieg unserer mit den „deutschen Tugenden“ gesegneten Gurkentruppe.

Da müssen wir uns schwer Sorgen machen – wie das geht, macht uns die „Süddeutsche Zeitung“ vor -, wenn in den Vorbereitungen auf das Turnier der „deutsche Fußball“ international auf dem Spiel steht. Nach dem schmachvollen 1:4 gegen Italien ist der „in der Krise“. Es stellt sich die drängende Frage: „Wo ist eigentlich der Bundestrainer?“ Dann droht auch noch eine – vermutlich ausländische – Wettmafia den Ruf des deutschen Fußballs zu unterminieren! Da tut es gut, wenn mitten im Hauptartikel an prominenter Stelle auf Seite 1 ein großes Farbfoto unter dem Motto „Aufgestellt“ Hoffnung ausstrahlt. Die Bild-Legende erläutert:

„Kanzlerin Angela Merkel, bekennender Fußballfan, hat Bundestrainer Jürgen Klinsmann knapp drei Monate vor der Weltmeisterschaft Mut gemacht. Er habe ‚alte Zöpfe abgeschnitten’ und Reformen gewagt, sagte sie bei einem Treffen mit dem WM-Organisationskomitee in Berlin. Deutschland sei immer eine Turniermannschaft gewesen.“ (SZ 16.03)

Schön hat sie das gesagt, das mit den „Reformen“ und den „alten Zöpfen“ – da kennt sie sich aus, so redet sie schließlich auch auf jedem CDU-Parteitag daher. Und die Sache mit der „Turniermannschaft“ kommt auch gut an. Denn das heißt doch wohl: Die Jungs werden sich schon durchbeißen und -holzen. Auftrag und Ermunterung also von höchster Stelle; denn schließlich spricht hier nicht einfach Angela, der Fußballfan, wie der Text suggeriert. Das hätte auch die SZ kaum für mitteilenswert befunden. Vielmehr reklamiert die Chefin des ganzen Ladens einen Anspruch auf nationalen Erfolg, auch und gerade bei dieser „schönsten Nebensache der Welt“. Wofür schmeißen wir denn auch sonst das ganze Geld ’raus und heucheln Gastfreundschaft für „die Welt“?!

Dass der durchschnittlich vernunftbegabte Leser selbstverständlich mitfiebert, wenn es um die Erfolge „unserer“ nationalen Sportgrößen geht, ja dass er unbedingt informiert werden will noch über den letzten Furz, den der Bundestrainer in Sachen Mannschaftsaufstellung lässt und über die aktuellen zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Klinsmann und Beckenbauer, das versteht sich von selbst. Feinsinnigere Leser, denen die Sache mit dem deutschen „WM-Fieber“ zu dick aufgetragen vorkommt, können sich im Sportteil stattdessen wunderbar sensible Hintergrundberichte lesen über „unsere Athleten“, die bei der Behinderten-Olympiade „beachtliche Medaillenränge“ erreicht haben, jedoch „oft leider und völlig zu Unrecht nicht so viel öffentliche Beachtung finden“ wie unsere völlig gesunden Sportkrüppel. Oder sie erfreuen sich am Leitartikel zwei Tage später.

Der trägt den Titel „Weltmeister im Geiste“ und rechnet ab mit dem deutschen „WM-Fieber“, indem er sich um das rechte Maß an Nationalstolz sorgt und genau weiß, wofür wir uns – zumindest eigentlich – zu schade sein sollten: „Warum um alles in der Welt muss eine Nation wie Deutschland unbedingt Weltmeister werden oder bei Olympischen Spielen die meisten Medaillen einheimsen? Sind es nicht die totalitären Staaten, die auf Ausbeutung angelegten Regime, die immer wieder aufs Neue mit sportlichen Erfolgen beweisen müssen, dass ihre Bevölkerung gefälligst stolz und glücklich zu sein habe? Haben die Deutschen das nötig? Nein, das sollten wir eigentlich nicht nötig haben, jetzt, da die DDR und ihre Dopingpraktiken fast schon Geschichte sind. Eine solche Haltung zu vermitteln, wäre die Aufgabe der Politiker. Leider partizipieren sie gern am sportlichen Erfolg und zeigen vermeintliche Volksnähe bis hin zur Lächerlichkeit.“ (a.a.O.)

So geht die Kunst, das „Eigentliche“ zu denken: Wenn wir bei auswärtigen oder den verflossenen real-sozialistischen Regimen widerlichen „Sportkult“ entdecken, wissen wir, was los ist: Die Bevölkerung hat nichts zu lachen, die Obrigkeit braucht also nationalistischen Pomp um Musterathleten, um sie bei Laune zu halten. Wenn wir dann feststellen müssen, dass sich hierzulande so ziemlich dasselbe Theater abspielt, dann gibt uns das nie und nimmer in die Richtung hin zu denken, ob vielleicht auch der hiesige Laden irgendwie „auf Ausbeutung angelegt“ ist. Nein, dann denken wir ganz entschieden nur daran, dass das eigentlich überhaupt nicht zu unserem wunderbaren, demokratischen Staatswesen passt. Was man spätestens daran sieht, dass es eigentlich die Aufgabe unserer Politiker wäre, solchen Unsinn zu verhindern, auch und gerade dann, wenn sie sich immerzu so aufführen, wie wir es eigentlich nur von lächerlichen Despoten erwarten. So kann man den ganzen nationalistischen Auftrieb rund um die WM ausmalen und lächerlich bis abstoßend finden, ohne auch nur einen kritischen Ton gegen die Nation und ihr freiheitlich-demokratisches Gemeinwesen zu verlieren, in deren Namen ein Volk von fanatisierten Fußballguckern durchdreht.

Die Zurückweisung des nationalistischen Sport-Irrsinns ist allerdings nicht das letzte Wort von Herrn Roth. Neben seinem Abscheu davor ist ihm nämlich noch folgender Gesichtspunkt eingefallen:

„Heute müssen die Deutschen sich und anderen nicht mehr viel beweisen, sieht man davon ab, das sie sich mühsam an jene globalen Veränderungen anzupassen haben, die auch ihren Nachbarn zu schaffen machen. … Wenn die letzten Elfmeter geschossen, die siegreichen Helden in ihren Hauptstädten gefeiert sind … Es bleiben hohe Arbeitslosenzahlen und all die anderen Probleme, die eine alternde Gesellschaft hat, wenn sie die Lasten gerecht verteilen will. Bei diesen Verteilungskämpfen wird dann schnell vergessen sein, wie vereint die Nation einmal war, als sie ihrer Fußballmannschaft die Daumen drückte.“ (a.a.O.)

Was soll uns damit gesagt werden? Zuerst war die nationalistische Sportbegeisterung ein Trostpflaster, das von Diktaturen ausgebeutete Völker glücklich macht. Und jetzt sollen unsere demokratischen „Verteilungskämpfe“ so gewaltig sein, dass das Trostpflaster hierzulande seinen Dienst nicht hinreichend tut? Da bescheren die marktwirtschaftlich-demokratischen Verteilungskämpfe den Deutschen wohl mehr Probleme als es die schickste Diktatur zustande bringt. Oder anders gefragt: Wäre der Fußball-Fanatismus dann in Ordnung, wenn sich die durch ihn gestiftete Einheit der Nation als so haltbar erweisen würde, wie das bei Diktaturen unterstellt wird? Geht nicht, meint der Leitartikel; bei den Lasten, die hierzulande gerecht auf jung und alt verteilt werden reicht Flaggeschwenken auf dem Sportplatz nicht aus, um sich als Ausgebeuteter im Lande gut aufgehoben zu fühlen. Eine Nation von unserer Größe mit unseren Ansprüchen braucht ein Volk mit einem grundsätzlich belastungsfähigeren Nationalismus

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